Leben Lieder Liebe Leid

Irgendwo an einem Bett in einem Haus flüstert eine Frau zur Nacht …

»Gestern lief ein wirklich schöner Song im Radio. Da sang ein Mann über die innige Zuneigung zu seiner Partnerin.
An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr. Ich glaube es ging darum, dass es ihn rundum glücklich macht, ihr einfach beim Schlafen zuzusehen.
Wie weit entfernt mir dieser Gedanke doch ist.
Ich beobachte dich Nacht für Nacht und spüre bloß Angst. Wenn es still wird, lausche ich auf das Pumpen deiner Atemmaschine – ob sie nicht plötzlich aussetzt. Im Halbdunkel schiele ich auf deinen Brustkorb und verfolge zwanghaft jede Bewegung. Es bereitet mir Seelenqualen, dir beim Schlafen zuzusehen, weil ich weiß, dass ich nicht ewig wach bleiben kann.


Was wissen Lieder schon von Liebe?
Ich würde für dich sterben heißt es ständig. Ich werfe mich vor einen Zug. Jongliere mit Handgranaten. Ziehe in den Krieg. Fange eine Kugel ab. Streichle einem Hai den Kopf. Keine Ahnung. Sie tun angeblich alles, um zu beweisen, wie unbedeutend selbst der eigene Tod wäre, könnten sie dadurch ihre tiefen Gefühle zum Ausdruck bringen.
Welch idiotische Idee.
Für jemand anderen zu sterben – darin besteht nicht die große Schwierigkeit. Es kostet Kraft, für einen anderen zu leben. Glaub mir, ich weiß das. Ich sehe es an deinen blauen Lippen, die mich am Morgen zittrig küssen. Ich höre es durch die Badezimmertür, die dein rasselndes Luftholen nicht dämpfen kann. Und ich spüre es an deinem verkrampften Körper, dem selbst meine leichtesten Berührungen mittlerweile Schmerzen bereiten.

 

Ich mag das Radio trotzdem nicht abschalten.
Es klingt wahrscheinlich albern, doch manchmal schaffe ich es tatsächlich, meinen Kopf zu überlisten. Dann denke ich eine kurze Zeit lang, alles sei gut. Einige Sekunden oder sogar Minuten sind wir einfach wir. Du bist gesund und ich eine Frau, der nicht beim Zähneputzen unkontrolliert die Tränen kommen. Wir wollen einen Ausflug machen, Freunde besuchen, spazieren gehen, vielleicht Einkäufe erledigen. Einige Sekunden oder sogar Minuten vergesse ich dank der Musik, dass uns deine Krankheit seit Monaten als Geiseln hält.
Schön. Nur die Landung in der Realität tut immer verdammt weh.
In den Liedern schluchzen sie, weil der Geliebte sie allein gelassen hat. Weil ihre Angebetete sie nicht will, das Objekt der Begierde eine andere hat, sich mehr Freiheit wünscht oder sie betrügt. Wie jaulende Hunde schmettern sie dunkle Akkorde in die Welt und verkünden, wie sehr sie doch leiden. Verflucht, was würden sie erst für Klagelieder anstimmen, wenn einer von ihnen wüsste, was wahrer Verlust bedeutet?! Tatenlos zuschauen zu müssen, während die Liebe deines Lebens stückweise verblasst.«

 

Irgendwo an einem Bett in einem Haus nimmt eine Frau Abschied …

Sie drückt die Fernbedienung der Anlage. Im Hintergrund spielt leise eine CD. Ihre Hand berührt sanft seine Wange. Beide lächeln. Sie schmiegt sich an seine Schulter und lauscht dem Mann, der davon singt, voller Glück seine Freundin beim Schlafen zu beobachten. Was wissen Lieder schon von Liebe? Wahre Verbundenheit zeigt sich erst darin, gemeinsam zu schlafen.
Sie schließt ihre Augen und lässt die Müdigkeit aufsteigen. Auf dem Nachtkästchen liegen die Tablettenschachteln mitsamt ihren Abschiedsbriefen. Sie summt zum Refrain und fragt sich, ob irgendwann auch darüber ein Song geschrieben wird. Sie hofft es.

 

Daniela Herbst 25/07/2013 No Comments

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