Kleiner Tod

Es gibt so beschissen viele Wege zu sterben, dass es fast wie ein kosmischer Witz anmutet, auf welche Weise Konrad F. Plastokow das Zeitliche gesegnet hat. Sein letzter Akt hatte nichts Würdevolles oder Spektakuläres; nichts Einprägsames oder wirklich Erwähnenswertes. Erwähnenswert macht ihn eigentlich nur seine Einzigartigkeit. Ohne Einzigartigkeit wäre sein Ableben vermutlich auf alle Zeiten unbekannt geblieben.
Falls Sie sich nun wundern, noch nie von Konrad F. GrabsteinPlastokow gehört zu haben – der Mann war und ist völlig unbedeutend. Er hat nichts Nützliches erfunden, nichts Bedeutendes geschaffen, nichts zum Weltfrieden beigetragen oder sich anderweitig einen Platz in der Geschichte verdient. Wie bereits gesagt kann man ihn bis auf seinen einzigartigen Tod, um den es hier gehen soll, eigentlich komplett wieder vergessen.

 

Dieser wiederum wurde zwar von dreißig Personen beobachtet, neunundzwanzig glauben allerdings bis heute, sich das Ganze nur eingebildet zu haben. Deshalb hätte es niemanden weiter verwundert, wenn der Name Konrad F. Plastokow niemals schriftlich erwähnt worden wäre. Dieser eine Augenzeuge jedoch hat vor Kurzem beschlossen, sein Schweigen zu brechen. Und das exakt einen Tag vor seinem eigenen Tod. Was diesen Text automatisch zum einzigen Zeugnis des einzig interessanten Kapitels in Konrad F. Plastokows Lebensgeschichte macht.
Kommen wir also zu dem Tag, an dem dieser gänzlich unbedeutende Mann starb; welcher passenderweise ebenfalls völlig gewöhnlich war. Kein roter Kreis im Kalender. Keine seltene Planetenkonstellation. Kein merkwürdiges Naturereignis oder vergleichbares. Auch die Augenzeugen wiesen allesamt keine Besonderheiten auf. Es waren zwölf Frauen, drei Kinder und fünfzehn Männer. Zwei alleinerziehende Mütter. Ein alleinerziehender Vater. Sieben Singles. Ein Pärchen. Vier Rentner. Drei Studenten. Ein Azubi. Zwei Freiberufler. Diese Liste könnte man beliebig erweitern, sie klänge wie aus dem Lehrbuch für optimal durchmischte Gruppen.

 

Nun mag sich mancher Leser fragen, warum diese Zeilen nicht zum Punkt kommen und erzählen, wie Konrad F. Plastokow gestorben ist. Muss man den armen Mann zusätzlich noch als langweiligen Niemand anprangern?! Ja, muss man. Denn es besteht tatsächlich die Möglichkeit, dass genau diese Eigenschaft – sprich seine umfassende Farblosigkeit – letztendlich zu seinem Tod geführt hat. Er hat sich eines Tages nämlich einfach aufgelöst. Richtig gehört. Er stand auf der Straße und im nächsten Moment war er verschwunden. Ohne Grund. Ohne Knall. Und ohne Feuerwerk. Er wurde schlicht und ergreifend ausradiert.

ENDE

 

Daniela Herbst 21/02/2014 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.