Klassische Hommage

Göttlich fand er die Komödie, die ihn einfing, als sich der Roggen wie die Weiden im Wind wiegte. Schuld und Sühne hatten ihn bis zum Zauberberg geführt. Jetzt stand er hier, den Tod vor Augen, der gestrandete Handlungsreisende. Endstation. Sehnsucht. Bedauern. Nein, im Westen gab es nichts Neues. Keine schöne neue Welt, die eines Blickes lohnte. Träume der Elenden vielleicht und Erinnerungen. Die unendliche Geschichte verpasster Chancen. Große Erwartungen, die unerfüllt blieben. Seine Hand zur Faust geballt, starrte der alte Mann hinaus auf das Meer.

Für die Frau mit dem Parfüm war er der Fremde geblieben und der kleine Prinz, der seiner hätte werden können, nannte einen anderen Vater. Utopia war in den Wellen untergegangen. Das Paradies verloren. Zu lange hatte er gebraucht, um zu begreifen – dass eine Wahl nicht existierte; weder bei Verwandtschaft noch in der Liebe.
»Jeder stirbt für sich allein«, hieß es. Mochte der Satz ein Vorurteil sein, aber von Stolz und fehlendem Mut um sein Leben betrogen, kannte er den wahren Kern dieser Weisheit. Auch König Alkohols Beitrag sei erwähnt. Frieden im Verstand, doch Krieg in der Seele. Liebschaften sind gefährlich? Falsch, der Mensch leidet erst wirklich auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Die Einsicht kam zu spät. Das Schicksal hatte ohne Richter und Henker das Urteil gesprochen und ihn sich Untertan gemacht.

Er lachte freudlos auf über die Dreigroschenoper, die sich seine Memoiren schimpfte. Wann war er unter dem Rad gelandet? Wann sein steinernes Herz erkaltet?
Der Himmel teilte sich, die Sonne stach durch die Wolken und Deutschland gedieh zum Wintermärchen. Mitten im Schnee das Erwachen des Frühlings. Jedermann musste Ehrfurcht vor so viel Schönheit verspüren, doch nicht er. Die Früchte des Zorns und getragene Trauer schwarz wie Gondeln stahlen sich Räubern gleich in seinen Kopf. Tausendundeine Nacht, die er allein verbracht hatte, vergiftete seinen Blick. Jenseits von Eden gab es bloß ihn, hundert Jahre Einsamkeit und den Felsen in stürmischer Höhe, auf dem er stand.

Laut riefen ihn die toten Seelen des Meeres, tief aus dem Herz der Finsternis am Grund. Still und stiller wurde die Welt um ihn herum. Ausklang einer Odyssee. Er fühlte sich bei aller Verwirrung bereit, die Reise ans Ende der Nacht anzutreten. Er tat einen Schritt und fiel. In seinen Ohren schlug jemand die Trommel. Sie klang wie aus Blech. Er stürzte ins Wasser, wo ihn die Kälte mit offenen Armen empfing und die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ihm fast augenblicklich den Geist erfüllte. Das Sein und das Nichts trugen ihn fort.
Die Lyrik des Todes. Die Prosa des Lebens.

 

Daniela Herbst 27/03/2014 2 Comments

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