Klaas und Maria

Dies ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Beziehung. Es ist aber auch die Geschichte zweier ungewöhnlicher Menschen. Überhaupt ist die ganze Geschichte ungewöhnlich. Gerade deswegen muss sie erzählt werden – und wir wollen mit Klaas beginnen.
Klaas Rainbow Jansen besaß nicht nur einen ausgefallenen zweiten Vornamen; es gab eine Menge Eigenschaften an ihm, die aus dem Rahmen fielen. Allen voran war er, seit ihn seine Eltern 1966 auf einem Hippie-Festival gezeugt hatten, mit unerschütterlicher Sturheit politisch links ausgerichtet. Genau genommen nicht allein politisch, sein gesamtes Leben schien von Anfang an dieser Richtung gewidmet. Eine konsequente Orientierung, die ihn prägte und sich zudem schon extrem früh abzeichnete. Denn bereits als Säugling nuckelte er den Schnuller nur auf der linken Seite des Mundes. Kam der Löffelflieger nicht von links angeflogen, spuckte er den Brei wieder aus. Seinen Strampler ließ er sich bloß linksherum anziehen und für seinen geliebten Teddy gab es selbstverständlich einen festen Platz im Gitterbettchen. Er weigerte sich außerdem eine Windel zu tragen und plädierte auf sein naturgegebenes Recht der freien Erleichterung.

 

Das meiste unterstützen seine Eltern, die auf eine antiautoritäre Erziehung setzten, mit Begeisterung und idealistischer Hingabe. Sie achteten penibel darauf, dass sich sein Häschen-Mobile stets gegen den Uhrzeigersinn drehte, der Laufstall nie in der »bösen« Zimmerecke stand und ihn Verwandte in die richtige Wange kniffen. Lediglich beim Windelthema schoben sie ihrem Sohn einen Riegel beziehungsweise besonders saugfähige Stoffhöschen vor.
Im Kleinkindalter zeichnete sich seine Haltung noch deutlicher ab. So riss er sich an seinem ersten Tag im Kindergarten das Abzeichen der Igelgruppe von der Brust und zettelte eine Protestaktion gegen »die diskriminierende Mehrklassengesellschaft überholter Uniformitätsmodelle« an. Zumindest war das seine spätere Version. In Wahrheit kritzelte er statt Parolen zu schwingen pupsende Strichmännchen an die Wand, um seine Position klarzustellen. Diese pupsten jedoch durchgehend nach links, wie die Stinkelinien an ihren dürren Hintern unschwer erkennen ließen.

 

Als Teenager schloss sich Klaas wenig überraschend der Punk-Bewegung an. Eine einschneidende Phase, in der er demonstrativ löchrige Kleidung, einen lilafarbenen Irokesen, ein Piercing im linken Nasenloch und den Weltschmerz der Jugend auf seinen Schultern trug. Zudem prangte ein Button an seiner Weste, auf dem in dicken Buchstaben »Chaos ist die neue Ordnung« stand. In dieser Zeit trainierte er sich zum Linkshänder um und nahm an mehreren Demos zur Reformation des Bildungssystems teil. Sein Credo hieß grundsätzlich »Anti«, »contra«, »Revolution« oder »Nein«.
Nachdem die Pubertät erst einmal überwunden war, wurde der Irokese zur vernachlässigten Intellektuellen-Frisur, das Piercing wanderte einige Etagen tiefer (in den linken Ho… na egal) und der Button wich einem Aufnäher von Marx. Statt Anarchie predigte Klaas fortan den Kommunismus, zum Credo reichte er Argumente und die Demonstrationen richteten sich gegen die Gesellschaft im Allgemeinen. Sonst änderte sich nicht viel.

 

Am Ende dieser Entwicklung stand ein Mann mit einer klaren Ausrichtung, der links wählte, dachte, propagierte und lebte. Jemand der seinen Nachbarn als Kapitalist und Ausbeuter beschimpfte, weil er einen Gärtner namens José dafür bezahlte, ihm den Rasen zu mähen. Jemand, der dem Staat mit grenzenloser Skepsis gegenübertrat und an die Notwenigkeit eines rigorosen Umdenkprozesses glaubte, ohne diesen näher definieren zu können. Jemand, der immer auf der linken Straßenseite ging und ausschließlich Digitaluhren trug, damit er die Zeiger nicht dabei beobachten musste, wie sie falschherum liefen.

 

KarussellMaria Schulz-Eckelbaum war das komplette Gegenteil von Klaas. Aufgewachsen in einer streng katholischen sowie konservativen Familie wählte, dachte, fühlte und lebte sie beharrlich rechts. Sie las nur Bücher von deutschen Autoren, die in Deutschland spielten und von deutschen Leuten handelten. Die meisten ihrer Freunde trugen Namen aus der Bibel oder dem Verzeichnis für nationale Berühmtheiten. Ihre Haare frisierte sie stets zu einem Seitenscheitel und sogar ihre rechte Brust war ein knappes Körbchen größer als die linke. Letzteres hatte ihr auf dem Gymnasium den wenig schmeichelhaften Spitznamen Mops-Amazone eingebracht, aber das ist eine andere Geschichte. Heranwachsende Mädchen können wirklich grausam sein …
Selbstredend mochte Maria keinerlei Veränderungen und traute Ausländern nicht über den Weg. Wobei sie sich nicht ganz im Klaren war, ob sie Schweizer und Österreicher schon dazuzählen sollte oder nicht. Dafür liebte sie Riesenräder, Parkeisenbahnen, das Prinzip des Kreisverkehrs und jegliche Form von Karussellen – ausgenommen vielleicht die Leopardenspur, die sich auf der Rückwärtsfahrt ja bekanntermaßen linksherum dreht.

 

Beruflich folgte sie dem Motto »Jedes Übel muss man an der Wurzel packen« und wurde Grundschullehrerin. Dort brachte sie den Schülern der Klasse 2A als Erstes bei, dass es schädlich für die Gruppenmoral sei, sich mit Schülern der Klasse 2B zu vermischen; und sei es nur für ein harmloses Gespräch auf dem Pausenhof. Nach zweiwöchiger Suspendierung übernahm sie eher administrative Aufgaben innerhalb des Lehrkörpers.
Ihre Freizeit verbrachte sie am liebsten im Garten, wo sie an der Zucht reinrassiger brauner Rosen experimentierte. Oder bei Spaziergängen mit ihrem Schäferhund Richard Wagner.
Trotz zunehmender Globalisierung und ihrer Angst vor terroristischen Anschlägen durch organisierte Gemüsehändler fand sie in ihrem hektischen Alltag die Muße, ein Buch zu verfassen. Der Titel lautete »Wieso Adam kein Moslem war« und schaffte es zu ihrem Bedauern nie in die Buchhandlungen. Wobei sie eigentlich prinzipiell gar nichts gegen Araber hatte; es kam ihr einfach suspekt vor, wenn jemand von rechts nach links schrieb.

 

Ja, Maria kannte eben bloß eine Richtung. Das galt für den Trommelverlauf von Waschmaschinen ebenso wie für Hinweisschilder, Knopfleisten und Jogurtkulturen. Abgesehen davon – und von dem Spleen niemals roten Lippenstift aufzulegen – unterschied sie sich aber kaum von anderen Frauen. Sie aß gern Schokolade (nicht nur wegen der Farbe), musste bei Liebesschnulzen heulen und plante seit ihrem achten Geburtstag die Feinheiten ihrer Hochzeit. Lange Zeit bestand sie darauf, einmal einen stattlichen Politiker mit Oberlippenbart oder einen Fußballspieler (Rechtsaußen!) zu heiraten. Schlussendlich ehelichte sie im Alter von einundzwanzig einen gewissen Klaas, zweiter Vorname Rainbow, und hieß ab diesem Tag Maria Jansen.

 

Eine Frau wie Feuer und ein Mann wie Wasser – oder umgekehrt. Dass es ausgerechnet zwischen Klaas und Maria gefunkt hat, überraschte wohl niemanden mehr als die beiden selbst. Doch das tat es und auf den Funken gedieh eine langandauernde Ehe. Allerdings weniger, weil sie so viel gemeinsam hatten; sie hatten objektiv betrachtet überhaupt nichts gemeinsam. Naja, abgesehen vom gigantisch guten Sex vielleicht … Indes ergänzte sich das Paar wie Yin und Yang, Nadelöhr und Faden, Hammer und Nagel, Arsch und Schlüpfer.
Da Maria im Auto ausnahmslos rechts und Klaas links sitzen wollte, gab es niemals Streit darum, wer hinters Steuer und wer auf den Beifahrersitz gehörte. Auch die Verteilung der Doppelwaschbecken, die Platzwahl am Frühstückstisch und das Dilemma auf welcher Seite im Ehebett ein jeder zu schlafen habe, erledigten sich so von ganz allein. Zudem durfte sich immer einer über den Ausgang der Wahlen freuen; bei einer Großen Koalition sogar beide.
Das System funktionierte bei Bekannten und Fremden, eingespielt und spontan, zuhause und unterwegs.
Als sie zum Beispiel einmal in der Stadt einen Farbigen auf einer Bank herumlungern sahen, riet Maria ihm, dem deutschen Staat nicht länger auf der Tasche zu liegen und in seine Heimat zu verschwinden. Klaas erweiterte den Vorschlag seiner Frau, indem er den jungen Mann anhielt, dort gegen die Unterdrückung seiner afrikanischen Brüder und Schwestern zu kämpfen. Natürlich konnte der Angesprochene wenig mit dem Rat anfangen – er war gebürtiger Bayer, noch nie in Afrika gewesen und studierte im fünften Semester BWL – dessen ungeachtet bildeten sie hier wie sonst eine unschlagbare Einheit.

 

Aber ein linker Klaas und eine rechte Maria müssten doch zwangsläufig über die wichtigsten gesellschaftlichen Themen in Streit geraten, mag der Skeptiker einwerfen. Das stimmt tatsächlich. Sie diskutierten häufig, gern und heftig. Positiv gesehen ging ihnen auf diese Weise nie der Gesprächsstoff aus. Denn wo manche Paare stur in ihre Zeitung stierten, debattierten sie das Für und Wider von Elitebildungen. Wo andere schweigend an einem Kreuzworträtsel rätselten, erörterten sie den Nutzen internationaler Wirtschaftsbeziehungen und nationaler Identitäten. Wo die Mehrheit sich einfach auf die Couch vor den Fernseher lümmelte, würzten sie das Ganze mit einer Kontroverse zum Thema »Sind die Mainzelmännchen schwul; und wenn ja, dürfen sie unter dieser Prämisse in den Öffentlich-Rechtlichen auftreten«.
Zweifelsfrei führten ihre unterschiedlichen Grundeinstellungen des Öfteren auch zu handfesten Problemen. Gemeinsames Einkaufen etwa war schier unmöglich. Klaas boykottierte jedwede Form von Kapitalismus und Massenkonsum, Maria verweigerte sich gegenüber Importwaren und ausländischen Kassierern. Urlaub machten sie ohnehin getrennt. Dann verbrachte Klaas drei Wochen in einem israelischen Kibbuz oder einem Überlebenscamp für Anti-Demokraten und Maria besuchte ihren kriegsversehrten Onkel Adi im Allgäu. Im Kino stellte sich jeder an einer anderen Schlange an, weshalb sie am Ende leider immer in verschiedenen Filmen landeten. Ähnlich schwierig gestalteten sich Gruppentänze, Mannschaftssport und Spieleabende (speziell Mensch-ärgere-dich-nicht, das irgendwie kompliziert wird, wenn die Figuren sich aufeinander zu bewegen).
Kurzum ihre Ehe barg gewisse Stolpersteine und bedurfte einer Menge Verständnis, nichtsdestotrotz hielt sie rund fünfundzwanzig Jahre. Und das, obwohl keiner der beiden je einen Millimeter von seiner Position abrückte. Klaas Rainbow Jansen wählte, dachte, propagierte und lebte links und seine Frau Maria wählte, dachte, fühlte und lebte rechts. Punkt.

 

An dieser Stelle fragen Sie sich eventuell nach dem Grund, aus dem ich Ihnen das alles erzähle. Nun, mein Name ist Martin Jansen und bin der Sohn der zwei. Das heißt, ich war es bis letzte Woche, als meine Eltern bei einem tragischen Autounfall verunglückt sind. Mein Vater wollte auf der Autobahn links einen Laster überholen und meine Mutter … Ach, ersparen wir uns die Details. Ich musste sie gestern jedenfalls zu Grabe tragen.
Und genau darin steckt die Crux.
Entgegen meinen strikten und eigentlich unmissverständlichen Anweisungen wurden sie nämlich verkehrtherum beerdigt. Also nicht, dass sie jetzt mit dem Gesicht nach unten im Sarg lägen – das wäre wirklich abstrus – nein, mein Vater ruht auf der rechten Hälfte des Doppelgrabes und meine Mutter auf der linken.
Für gewöhnliche Menschen eine bedeutungslose Unannehmlichkeit, die im Tode egal sein dürfte. Für meine Eltern selbst im Jenseits garantiert eine Katastrophe. Deshalb muss ich versuchen, die Friedhofsverwaltung von einer Umbettung zu überzeugen. Keine leichte Aufgabe und daher hoffe ich sehr, dass meine kleine Geschichte ihren Beitrag dazu leisten kann.
Sie waren quasi mein Testpublikum. Besten Dank dafür. Sehen Sie mir den Diebstahl Ihrer Zeit nach und drücken Sie mir die Daumen. Und sollte Sie meine politische wie allgemeine Einstellung interessieren: Ich wähle, denke, propagiere, fühle und lebe die Mitte.

 

Daniela Herbst 18/10/2016 No Comments

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