Kartenspiel und Gottkomplex

»In Ordnung, wie lauten die Regeln?« Jasper Knowles setzte sich an den einzigen Stuhl im Raum; vor den einzigen Tisch und die einzige Lampe.
»Du hast sieben Menschen und sieben Schicksale. Füge sie nach eigenem Ermessen zusammen«, antwortete sein Gegenüber.
Der Mann, ein dunkelhaariger Spargeltarzan Mitte vierzig, hatte sich ihm als Mister Al Mighty vorgestellt.
»Das ist alles?«
»Das ist alles.«
Jasper nickte. Den Punkt, an dem er das Ganze für einen makabren Scherz beziehungsweise das neueste Realityformat eines Fernsehsenders hielt, hatte er längst hinter sich gelassen. Das hier war Al Mightys Show – und er selbst war gewillt, die Situation als gegeben hinzunehmen.
Seltsamerweise fiel ihm das ziemlich leicht. Denn egal ob der Typ sympathisch verrückt oder gemeingefährlich war; er gab ihm die Chance über das Leben anderer zu bestimmen. Was er in diesem Raum entschied, würde Mighty geschehen lassen, daran zweifelte er keine Sekunde.
»Darf ich anfangen?«
»Sicher.«
»Okay, dann soll Susan die Grundschullehrerin in der Lotterie gewinnen und Chuck der Trucker …«, begann Jasper, ehe ihn ein amüsiertes Räuspern unterbrach.
»Du kannst das ruhig ohne zu reden machen. Ich stelle mich da drüben in die Ecke und warte, bis du fertig bist.« Kaum dass er es angekündigt hatte, wackelt Al Mighty auch schon los. »Ist immerhin eine gewisse Verantwortung. Sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.«
»Hm.«
»Ach ja, eine Sache wäre da noch … du musst jede Karte verwenden. Keine darf übrig bleiben. Pro Person exakt ein Schicksal; nicht mehr und nicht weniger.«

 

»Geht klar.«
»Wunderbar. Und lass dir ruhig Zeit.«
»In Ordnung.« Jasper hörte die Schritte seines Gastgebers verstummen und widmete sich nun endlich den beiden vor ihm liegenden Stapeln.
Die Karten mit den Namen besaßen einen blauen Rahmen, diejenigen mit den Schicksalen ein roten.
Sie alle zu studieren erschien ihm zu mühselig, also mischte er sie kurzerhand bunt durch und breitete sie zu einem schlampigen Fächer aus. Dann zog er nach dem Zufallsprinzip je ein Pärchen aus dem Sammelsurium, ohne auf die einzelnen Ergebnisse zu achten. Abgesehen von Susan der Lehrerin, für die er den Lotteriegewinn bereits relativ fest eingeplant hatte.
Er betrachtete sein Werk.
Chuck der Trucker mit den zwei Vorstrafen landete aktuell im Gefängnis und Tracy die alleinerziehende Mutter verlor ihren Job. Dafür wurde Bankberater Bill befördert. Lilly die frischgebackene Abschlussballkönigin bekam Krebs, der zweifache Familienvater Lester starb bei einem tragischen Unfall und … er selbst sollte eine interessante Reise antreten.
Perfekt.
Gerecht.
Verschmerzbar. Akzeptabel.
Traurig.
Beschissen und nett.
Nein, das passte nicht ganz.

 

Er tauschte Lester und Chuck, dann die Knastkarte und die Beförderung. Damit hatte er nun einen Trucker, der bei einem Unfall starb, einen Banker im Gefängnis und den Familienvater, der befördert wurde. Guter Anfang. Rasch wechselte er noch Susans Lotteriegewinn und seine Reise aus, bevor er sich vorerst recht zufrieden zurücklehnte.
»Chuck stirbt. Tracy verliert ihren Job … okay …«, murmelte er, »… Bill landet hinter Gittern, Lilly … Mist!«
Die Abschlussballkönigin kriegte leider weiterhin Krebs. Nicht fair fand Jasper. Also tauschte er Lilly gegen Bill aus. Ein totkranker Bankberater erschien ihm vertretbarer als ein junges Mädchen, dem die Haare ausfielen. Außerdem sollte nun Susan den Job verlieren und im Gegenzug die alleinerziehende Mutter Tracy verreisen. Chuck, sich selbst und Lester ließ er liegen, wie sie waren.
Suboptimal, aber tauglich.
»Wenn du soweit bist, sag einfach klar und deutlich fertig«, meldete sich Al Mighty zu Wort. »Allerdings darfst du ab diesem Zeitpunkt nichts mehr verändern.«
»In Ordnung.«
»Ach … und Jasper …?«
»Ja?«
»Du hast das Kleingedruckte auf den Karten gelesen, oder?«
Er nickte.
Natürlich hatte er es nicht gelesen.
Zeit das nachzuholen.
Langsam zog er das Gefeuert-Exemplar näher heran. Da stand: Aufgrund der wirtschaftlichen Lage wird die betreffende Person in den nächsten Jahren auch keinen neuen Job finden. Sie landet mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann auf der Straße.
Er schluckte.
Die Karte von Chuck dem vorbestraften Trucker machte ihm sogar noch bedeutend stärker zu schaffen: Seine Freundin erwartet im siebten Monat ein Kind. Bei richtig gestellten Weichen sollte er zu einem produktiven Mitglied der Gesellschaft und einem liebevollen Vater werden.

 

Und Susan? Die Grundschullehrerin war ihren Schützlingen gegenüber schon mehrfach handgreiflich; was sie bisher geschickt vertuschen konnte. Lester? Er betrügt den Staat um seine Steuern und hat ein Spielproblem. Banker Bill? Engagiert sich in seiner Freizeit ehrenamtlich als großer Bruder und gibt Kurse in Selbstverteidigung. Der Krebs? Eine sehr aggressive Form, der nur mit radikaler Chemotherapie beizukommen ist. Trotz kurzfristigem Sieg dürfte er vermutlich bald zurückkehren.
Er mischte die Karten ein weiteres Mal komplett durch.
»Susan Jobverlust, Chuck Reise, Tracy Beförderung, Bill Krebs, Lilly Lotteriegewinn, Lester Knast, Ich … Keine Chance … Nein … Susan Knast, Chuck Beförderung, Tracy Krebs, Bill Lotteriegewinn, Lilly Unfalltod, Lester Reise, Ich Jobverlust … Nein … Susan Reise …«
                                                               


[Jasper hat das Wort »fertig« bis heute nicht über die Lippen gebracht. Just in dieser Sekunde sitzt er auf einem Stuhl, vor einem Tisch und einer Lampe, beobachtet von einem Mann namens Al Mighty in einem sonst leeren Raum und schiebt auf einer weißen Plastikplatte Karten hin und her.]

 

Daniela Herbst 17/05/2013 No Comments

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