Kalte, feuchte Erde

Zitternd stand Lisa vor der offenen Grube und rieb sich die klammen Finger, um etwas Gefühl in ihnen zu bekommen. Ihre Hände waren schon blau angelaufen. Sie ballte sie zur Faust und entspannte sie wieder. Das Blut begann, zu zirkulieren.

SchaufelFür ihr Gesicht konnte sie leider wenig tun. Ihre tauben Wangen klopften und dort, wo die Tränen langsam auf der Haut gefroren, breitete sich ein schmerzhaftes Brennen aus.
Ähnlich erging es ihren Zehen, die sich trotz der ganzen Wackelei als steife Eiszapfen gegen die Schuhe drückten.
Der Winter rückte näher. Wenn es einem die Kälte nicht flüsterte, dann die beinahe kahlen Bäume und dieses trostlos fahle Licht.
Vielleicht gab es sogar bald den ersten Schnee.
Lisa schluckte. Sie musste daran denken, wie frostig die Erde mittlerweile wohl war und wie eisig sie die nächsten Monate noch werden würde. Und dass er dort liegen sollte. Alleine. Im Dunkeln.

 

Der Arm ihres Vaters legte sich warm um sie. Sacht drückte er ihre Schulter und nickte.
Es war Zeit.
Zögernd ging sie in die Knie und hob den verzierten Schuhkarton auf, der bisher still vor ihren Füßen gelegen hatte. Sterne und Herzen zierten den Deckel. Dunkelblaues Papier spannte sich darum und am Ende verschloss eine goldfarbene Schnur das liebevoll gestaltete Werk.
Ein schöner Sarg.
Natürlich änderte das nichts an der Traurigkeit der Sache. An ihrer Endgültigkeit und dem bitteren Kloß in ihrem Hals.
Sie würde den Karton gleich in die Erde legen. Sich stumm von ihrem treuen Freund verabschieden – und dann zusehen, wie ihr Vater das Loch wieder zuschüttete.
Drei Jahre lang hatte Pedro in ihrem Kinderzimmer gelebt. Drei Jahre, in denen der kleine Hamster sie zum Lachen gebracht, heimlich von ihrem Pausenbrot genascht und ihr zugehört hatte, wenn sie von ihrem Tag erzählte. Und am Ende blieb kaum mehr von ihm übrig als ein Holzkreuz im Garten und ein leerer Platz auf ihrer Kommode.
Sie schlug die Hände vors Gesicht und ließ sich von ihrer Mutter in eine tiefe Umarmung ziehen.

 

Daniela Herbst 20/11/2014 No Comments

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