Ironie des Schicksals?


Kevin Haarbach fräste mit den Händen eine Schneise in den Berg ausgebreiteter Fotos, der den Großteil des Tisches für sich einnahm.  Ein verkniffenes Lächeln verzerrte seine Mundwinkel. Die Bilder erzählten fast eine Geschichte: Karen und er auf Mallorca. Karen und er beim Baden am See. Karen allein vor dem Fenster. Karen mit Mops Filou.

Er gönnte sich einen kräftigen Schluck Kaffee, biss in seine Breze und schlug die Tageszeitung auf. Ein bisschen Ablenkung würde ihm jetzt guttun. Etwas Weltgeschehen, etwas Lokales; dazu ein Schuss Klatsch und Tratsch.
Kevin überflog die Schlagzeilen. Kämpfe in Nahen Osten. Havariertes Containerschiff im Atlantik. Städtische Bibliothek erweitert ihre Sachbuchabteilung. Erpresserbande droht Discounter. Ausgebüchster Graupapagei wieder zuhause. Hat Lady Gaga einen Neuen? Er seufzte. Nein, seine Aufmerksamkeit schweifte ständig zu seiner Exfreundin. Unzufrieden riss er das Päckchen Kochschinken auf und schob eine gerollte Scheibe zwischen seine Lippen.

»Bah!« Beinahe hätte er die Wurst auf den Boden gespuckt. Das Zeug schmeckte salzig bitter; statt mild würzig wie sonst.
Schon wieder ein Griff ins Klo.
Leider konnte er sich nicht erinnern, welche Sorte laut Karen die einzig Richtige für ein Frühstück mit Breze war. Und sie anzurufen und zu fragen, stand definitiv nicht zur Debatte. Zumindest nicht seit er sie bei ihrem letzten Gespräch eine egoistische Schlampe ohne Herz genannt hatte.
Trotzig stopfte Kevin eine weitere Scheibe hinterher und strich die Zeitung an der Stelle mit dem erpressten Discounter glatt. Er las den ersten Absatz. Offenbar lief die Geschichte schon eine ganze Weile. Vier oder fünf Wochen, um genau zu sein. »Wie der Vorstand über den Pressesprecher verlautbaren ließ, kündigten die Verbrecher an, mehrere Produkte der Hausmarke zu vergiften, falls Ihren Forderungen nicht nachgekommen …«

Ihm fiel ein Foto ins Auge, auf dem Karen ihm beziehungsweise dem Unsichtbaren hinter der Linse neckisch die Zunge herausstreckte. Vielleicht könnte er sie ihr abschneiden. Der Gedanke amüsierte ihn einen Moment, dann wurde ihm klar, dass eine stumme Exfreundin nicht in seine Vorstellung von Rache passte. Zumindest keine, die endgültig zum Schweigen verdammt war; denn am Anfang müsste er sie natürlich schon knebeln.
Kevin erhob sich. Er sollte noch einmal den Rucksack kontrollieren. Heute Abend durfte kein einziges Detail schiefgehen. 
Langsam schlenderte er ins Wohnzimmer. Er fühlte sich beschwingt. Die Gewissheit, dass sie von seinen Plänen nichts ahnte, gefiel ihm. Wahrscheinlich glaubte sie, er hätte die Trennung einfach geschluckt.
Ein Grinsen verzerrte sein Gesicht. Bizarr. Doch bevor es anfing, richtig unheimlich zu werden, verebbte es wieder und er kotzte auf den Laminat-Boden.
Zwei Minuten später war er tot.

 

Daniela Herbst 19/09/2013 No Comments

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