Irgendwo fängt es immer an

Frank lehnte sich ein Stück vor und sah der jungen Polizistin direkt in die Augen. »Sie halten mich für einen armen Irren, oder?«
Die schien unsicher zu sein, wie und ob Sie auf die Frage antworten sollte. Was sagte man auch zu einem Mann, der gerade mitten auf der Straße einen Baum gefällt hatte?!


AnfangWenn er Baumfäller war und dafür bezahlt wurde, vermutlich nicht viel. Wenn der Typ jedoch illegal die Kettensäge gezückt hatte, um eine 20-Meter-Buche niederzumähen, die danach auf drei parkende Autos gestürzt war – und derselbe Typ dann wissen wollte, ob man ihn für verrückt hielt …
»Möchten Sie mir erzählen, wieso Sie das getan haben?«
Frank lächelte und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Wo einsteigen?
»Kennen Sie Laubbläser?«, fragte er. »Diese verfluchten Dinger, die einen Heidenlärm veranstalten, Dreck von A nach B pusten und dabei Benzinwolken ausstoßen?«
»Ja. Natürlich.«
»Damit hat alles angefangen.«

 

»Klingt, als ob das eine längere Geschichte wird.« Die Polizistin nahm die Hände von der Tastatur und legte den Kopf schief.
»Keine Sorge, ich fasse mich kurz.« Frank atmete tief ein. »Ich wohne wirklich schön. Nach hinten raus zur Hofseite. Ich habe ein ruhiges Schlafzimmer, ein großes Wohnzimmer, Tageslichtbad, Küche, einen kleinen Balkon und einen netten Vermieter. Das Ganze noch zu einem erschwinglichen Preis. Außerdem mag ich meinen Job, der mich zwar ziemlich fordert, aber darum auch ausfüllt. Meine Freundin, mit der ich seit rund drei Jahren liiert bin, lebt knapp hundert Meter entfernt in ihrer eigenen Wohnung. So sehen wir uns regelmäßig, ohne uns gegenseitig auf den Geist zu gehen. Ich treibe Sport, besitze einen stabilen Freundeskreis und gehörte bis vor wenigen Monaten zu den ausgeglichensten Menschen, die Sie sich vorstellen können.«
Die junge Frau gab ein Geräusch von sich, das zwischen Interesse und Zweifel pendelte.
»Dann tauchte plötzlich dieser Typ mit dem Laubbläser auf.« Frank ballte die Hände zu Fäusten. »Sieben Uhr morgens. Jeden Tag. Montag bis Freitag. Immer um die gleiche Zeit. Und immer begann er unter meinem Schlafzimmerfenster. Nachdem ich in meinem Job oft erst gegen ein, zwei Uhr ins Bett komme, eine regelrechte Tortur.«

 

»Laubbläser … sieben Uhr morgens …«, tippte die Polizistin in den Computer. »Schön, und was hat das mit dem Baum zu tun?«
»Ist das nicht offensichtlich?«
»Vielleicht. Aber ich möchte es gern von Ihnen hören.«
»Klar.« Frank seufzte und lehnte sich zurück. »Also, ich tat zunächst, was alle vernünftigen Bürger tun würden: Ich fragte den Kerl höflich, ob er seine Route nicht ändern könnte. Weiter vorne anfangen oder allgemein etwas später.« Er fuhr sich mit den Handflächen durchs Gesicht. »Wissen Sie, was er gesagt hat?«
»Nein. Was?«
»Kein Problem hat er gesagt. Nett von ihm, nicht? Und tatsächlich, am nächsten Tag röhrte er fast eine Stunde später an meinem Schlafzimmerfenster vorbei.«
»Ich fürchte, ich bin raus«, meinte die Polizistin.
»Ist mir verständlich.« Frank nickte. »Sie dachten, der Kerl hätte mir eins gehustet; ergo fälle ich den Baum, damit es kein Laub mehr zu blasen gibt. So simpel war die Geschichte am Ende doch nicht. Sie führt um einige Ecken.«
»Okay …« Die junge Frau rückte ihren Pferdeschwanz zurecht und räusperte sich leise. »Ich bin ganz Ohr …«

 

»Wie gesagt, ich bat den Laubbläser, seine Tour zu verlegen, um zumindest ein bisschen Schlaf abzubekommen. Und er erklärte sich einverstanden. Drei Tage lang klappte das hervorragend. Dann tauchte er wieder um sieben Uhr früh vor meinem Fenster auf.« Er schüttelte träge den Kopf. »Als ich ihn fragte, was das sollte, sagte er mir, dass es ihm leidtäte, aber ein Anwohner sich über die geänderten Zeiten beschwert hätte. Und zwar nicht, weil dieser Mensch wie ich bei dem Krach nicht schlafen konnte oder sich allgemein gestört fühlte. Nein, sondern weil sein Wagen unter einer Buche parkte und er der Meinung war, dass zwischen sieben und acht Uhr morgens die meisten Blätter herunterfielen. Da er nun erst gegen neun Uhr statt wie vorher gegen acht Uhr an der Reihe war, vom Laubbläser besucht zu werden, glaubte er, sein Auto sei seitdem wesentlich schmutziger.«
»Und da haben Sie …«
»… dem Anwohner, der sich beschwert hat, eine Plane für seinen Wagen besorgt.«
»Verdammt kommen Sie endlich zum Punkt!«
»Will ich ja, aber dieser Mist hat vor über einem Jahr angefangen«, stöhnte Frank. »Und Sie wollten schließlich wissen, warum dieser Scheißbaum Bekanntschaft mit meiner Kettensäge geschlossen hat.«
»Ich gebe Ihnen noch eine Minute«, zischte die Polizistin. »Stellen Sie meine Geduld nicht auf die Probe.«

 

»Gut. Ich hatte den Laubbläser dazu gebracht, seine Tour zu ändern, und dem Kerl mit dem schmutzigen Auto eine Plane besorgt. Letzterer hat daraufhin die Beschwerde zurückgezogen. Leider zeigte sich der Vorgesetzte des Laubbläsers nicht bereit, seinen Angestellten ständig die Route wechseln zu lassen. In meiner Verzweiflung schrieb ich dem Mann mehrere Mails und erläuterte ihm ausführlich meine Situation. Erst ignorierte er mich. Dann signalisierte er Verständnis bei gleichzeitigem Desinteresse. Ein Dreivierteljahr gingen die Schreiben hin und her. Am Ende einigten wir uns auf eine halbe Stunde Schlafzugewinn. Halbacht. Alles prima. Bis vor einer Woche dieser vermaledeite Specht aufgetaucht ist. Jeden Tag fing er um sechs Uhr früh an, auf die verdammte Buche einzuhacken. Montag bis Sonntag. Ohne Unterlass. Ich wollte ihn vertreiben. Nicht verletzen, nur verscheuchen. Da hetzt mir irgendein gelangweilter Rentner den Tierschutz auf den Hals. Ich dürfe den Vogel nicht mehr erschrecken, sonst müsse ich mit einer Anzeige rechnen.« Er grinste schief. »In logischer Konsequenz habe ich stattdessen den Baum gefällt.«
Die Polizistin blinzelte Frank ungläubig an.
»Das war meine Geschichte.«
»Sie sind ein armer Irrer …«
»Mag sein«, sagte er und rieb sich die Tränensäcke. »Ich bin aber nicht derjenige, der angefangen hat.« 

 

Daniela Herbst 02/12/2014 No Comments

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