Informationslücke

Skeptisch beäugte Armin den Fremden, der seit etwa einer halben Stunde in seiner Küche saß und ihm den Orangensaft wegsoff. Er war sich immer noch uneins, ob der Kerl die Wahrheit sagte oder gewaltig eine Schraube locker hatte. Das Ganze klang einfach zu abgedroschen und gleichzeitig zu abstrus, um nicht eine Ausgeburt des Schwachsinns zu sein.
»Also? Was sagst du?«
»Ich weiß nicht …«, flüstere Armin und schielte zum Fenster.
»Gibt es irgendwelche Unklarheiten?«
So einige bezüglich deines Geisteszustands Kumpel.

Schweigen senkte sich über den kleinen Raum. Die kahlen Bäume des Innenhofs zeichneten Spiegelungen auf das verkrustete Ceranfeld und die Nachmittagssonne strahlte im Duett mit dem tiefen Orangerot der Schrankfronten.
Allmählich wurde die Sache unheimlich; aber wie bei Vampiren galt wohl auch hier die alte Weisheit: »Du musst sie vor der Türschwelle abfertigen. Wenn du sie erst einmal in den vier Wänden hast, wirst du sie so leicht nicht wieder los.«


»Du brauchst keine Angst zu haben.« Der Fremde grinste. »Ich unterbreite dir einen geschäftlichen Vorschlag und du kannst einschlagen oder ablehnen. Falls du ablehnen solltest, werde ich einfach verschwinden.«
Armin lächelte.
Wirkliche Erleichterung mochte sich jedoch nicht einstellen.
»Ich wiederhole die Bedingungen für dich. Du scheinst mir momentan ein wenig verwirrt zu sein …« Das Grinsen mutierte zum Reißverschluss. »Nun gut, ich gewähre dir in vollem Umfang Reichtum, Ansehen, Erfolg und Sexappeal. Das komplette Programm in der Variante …?«
»Schauspieler.«
»… in der Variante Schauspieler. Du kriegst, was du begehrst – die besten Rollen, internationale Blockbuster, Auszeichnungen, fanatische Fans, schöne Frauen, wilde Partynächte et cetera et cetera. Und das zum unglaublichen Schnäppchenpreis von einem Jahr.« Der Fremde räusperte sich theatralisch. »Ja, du hast richtig gehört. Im Gegensatz zu meinen leicht veralteten Kollegen – Mephisto, und wie sie nicht alle heißen – setze ich dir keine Frist. Nein, du verlierst lediglich ein mickriges Jahr deines Lebens.«
Der auf Pergament geschriebene Vertrag wanderte über den Tisch.

 

»Ein Jahr, hm?«
»Korrekt. Und zwar das letzte Jahr deiner Lebenszeit.« Sein Gast nickte bestätigend und aufmunternd zugleich.
»In Ordnung. Das klingt fair. Ich nehme an.«
»Schön, dann kriege ich unten links bitte ein Autogramm.«
Der Füller glitt über den ledrigen Grund und hinterließ eine rote Spur aus verschnörkelten Buchstaben. Als Armin ihn absetzen wollte, ritzte er sich am Metallbügel. Ein einzelner Tropfen Blut fiel auf das Pergament und wurde aufgesaugt wie Wasser in der Wüste.
Sie hatten ihre Abmachung besiegelt.

»Und jetzt?«
»Was meinst du?«
»Woran merke ich, dass der Vertrag zu wirken beginnt?«
Wieder grinste der Fremde. Doch diesmal wirkte seine verzerrte Miene bedrohlich – und eindeutig boshaft.
Armin schnürte es die Brust zu.
Sie schnürte sich verdammt eng zu.
Ob das nur die Angst war? Fühlte sich an wie ein Schraubstock …

»Weiß du, ich habe vergessen, dir etwas zu sagen.« Das Grinsen mutierte zum Sägeblatt. »Du solltest besser auf dich achten, sonst macht dein Herz schlapp. Und zwar genau in 365 Tagen ab heute. Hoppla …«
Armin kippte vom Stuhl und blieb reglos liegen. Er war tot.
Der Fremde erhob sich. Seine Finger falteten den Vertrag und steckten ihn säuberlich ein. Dann stieg er über den Leichnam hinweg. Glasige Augen starrten ihn schockiert an.
»Mach mir keine Vorwürfe. Reichtum, Ansehen, Erfolg und Sexappeal … Von Gesundheit haben wir nie gesprochen.«

 

Daniela Herbst 06/11/2013 No Comments

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