Im Licht der Raketen

Es ist der letzte Tag des Jahres. Ich sitze am Fenster und schaue hinaus in die schneebedeckte Welt. Ja, kurz nach Weihnachten hat es tatsächlich angefangen, zu schneien. Komisches Timing hat das Wetter manchmal. Aber irgendwie passt diese unwirkliche Atmosphäre zu meiner eigenen seltsamen Stimmung.

 

Ich bin nicht wirklich traurig, obwohl ich in den zurückliegenden Monaten von meiner Frau verlassen wurde und mein Hund gestorben ist. Ich freue mich auch nicht unbedingt, dass das Jahr zu Ende geht, schließlich stehen mir im Februar zwei Operationen bevor. Mein Sohn zieht weg und meine Rente reicht kaum, mich über Wasser zu halten. Ich merke seit langer Zeit zum ersten Mal, dass ich alt werde und deutlich mehr Tage in der Vergangenheit denn in der Zukunft liegen. Außerdem gelingt es mir immer schlechter, Gedanken auszublenden, die mir nicht guttun. Sie kriechen zu den unpassendsten Momenten aus ihren Löchern und lassen mich keine Ruhe finden. Erinnerungen an Schönes, das niemals wiederkehrt. Das Bewusstsein, dass man manche Fehler einfach nicht beheben kann – selbst wenn man es noch so sehr möchte. Die Angst vor falschen Entscheidungen. Das Wissen um verpasste Chancen.

 

Die ersten Raketen steigen in den Himmel. Sprühen Funken. Jede von ihnen – so heißt es zumindest – trägt einen Wunsch mit sich hinauf. Ich frage mich, welche Sehnsüchte und Träume heute Nacht zu den Sternen fliegen.
Meine eigenen Ziele sind recht unwichtig geworden; meine Erwartungen an das Morgen gering. Sorgen überwiegen die Hoffnungen und Müdigkeit den Abenteuergeist. Vielleicht ist er schon völlig abgestumpft. Ich fürchte, mich vorwärts zu bewegen, kann indes nicht stehenbleiben. Der Lauf der Dinge treibt mich voran wie ein Stück Treibholz. Man hat mir längst die Macht genommen, selbst über die Richtung zu bestimmen.
Deshalb weiß ich, meine Bitte wird kaum erhört werden.
Denn ich möchte vor allem anderen, dass die Zeit stillsteht.
Ich will weder sterben, noch leben. Einfach eingefroren sein in einem Vakuum, in dem mich nichts erreicht. Keine Reue, keine Sorge, kein Hunger, kein Bedürfnis nach irgendetwas. Während draußen bunte Funken das Schwarz erhellen, wünsche ich mir einen Platz in der Dunkelheit. Im warmen, beschützenden Nichts.

 

Daniela Herbst 15/01/2015 No Comments

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