Hungern

»Was haben wir?« In einer routinierten Geste nahm Polizeikommissar Frank Kirschner die Mütze ab und zückte seinen Notizblock.
»Junge Frau, Anfang bis Mitte zwanzig. Keine sichtbare Fremdeinwirkung. Seit schätzungsweise drei Tagen tot.«
Kirschner nickte und kritzelte die Informationen auf das oberste Blatt. Dabei war er sehr bemüht, den Blick nicht von dem am Boden knienden Mediziner abschweifen zu lassen.
»Alles in Ordnung?«
»Natürlich«, erwiderte er automatisch, ohne es tatsächlich so zu meinen oder es sich selbst abzunehmen. »Es ist nur …«, er schüttelte den Kopf.
Für das hier gab es schlicht keine passenden Worte. Unwirklich traf es vielleicht am ehesten. Traurig. Erschreckend. Falsch. Sie sollte einfach nicht so daliegen. In ihrer rosafarbenen Unterhose. Halbnackt und ausgezehrt. Derart abgemagert, dass die Rippen unter der Haut hervorstachen. Die Hüftknochen. Die Ellenbogen und Knie. Sie hatte nicht einmal mehr Brüste. Bloß Lappen blassen Fleisches, denen jegliche Fülle fehlte.

 

»Ich weiß, man kann es kaum glauben«, sagte der Mediziner mit gebrochener Stimme und erhob sich. Offenbar war er ebenfalls schockiert.
»Kennen Sie schon die Todesursache?«
»Definitives nach der Autopsie.«
»Und eine erste Diagnose?«
»Es scheint, als wäre sie … verhungert.«
»Verhungert?!« Kirschner dachte, sich verhört zu haben. »Ist das Ihr Ernst?«
»Ich fürchte, ja.«
Während der Kommissar versuchte, die Information in sein Weltbild einzuordnen, machte er mechanisch eine Bestandsaufnahme der Wohnung. Die knapp vierzig Quadratmeter wirkten aufgeräumt. Geschmackvoll eingerichtet mit einigen liebevollen Details. Ein voller Kleiderschrank im Schlafzimmer. Eine Armada aus Parfums, Cremes und Schminke im Bad. Nichts Auffälliges. Abgesehen vom Kühlschrank, der außer einer Flasche Diätcola und einem Joghurt nichts Essbares enthielt.
»Ich begreife das nicht – wie kann heutzutage jemand verhungern?«
»Nun ja, in Afrika passiert das tagtäglich.« Der Mediziner zuckte die Schultern. »Aber ich weiß, was Sie meinen. Zu wenig Geld, um sich Essen kaufen zu können, war hier wohl nicht das Problem.«
»Sondern?«
»Ich schätze, sie litt an einer extremen Form der Magersucht.«
Fragte sich, was letztlich schlimmer war …

 

Daniela Herbst 16/04/2015 No Comments

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