Hunger (Benjamin Spang)

Gaststory (weil schreiben verbindet)

Er rannte quer über den Marktplatz, vorbei an kleinen Marktständen, Weinfässern und verwundert dreinschauenden Passanten. Ein Turm voller Holzkisten wurde fast sein Verhängnis, aber er konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen und seine Flucht fortsetzen. Samuel mochte Hellmark.
Es war seine Stadt.
Auch wenn er nur hier Tag wie Nacht immer voll konzentriert bei der Arbeit sein musste, konnte er sich nicht vorstellen, woanders zu leben. Aufgrund dieser Vorliebe musste er sich bei seinem täglichen Geschäft entsprechend kleiden. Den Vollbart trug er gerne. Vor einiger Zeit wurde er durch einen dummen Fehler erwischt und konnte durch eine einfache Nassrasur der Bestrafung entgehen. Bis sein Bart die bis dahin erreichte Länge wieder angenommen hatte, war die Sache schon wieder vergessen.

Seiner Absichten wegen suchte er auch gerne Plätze, an denen sich viele Menschen tummelten. Als kleiner Fisch wird man unsichtbar in einem Meer voller Gesichter.
Wurde er doch einmal durch eine größere Menschenmenge verfolgt, riss er gerne seinen braunen Mantel mit der tiefen Kapuze vom Leib, und stellte sich ahnungslos an den Straßenrand. Die Garderobe, die er darunter trug, war so normal, dass er damit die meisten Wachen austricksen konnte.
Heute jedoch war alles anders.

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Er rannte weiter auf dem Gehweg einer kleinen Straße, immer geradeaus.
Große Backsteinhäuser mit verwinkelten und abzweigenden Wänden ragten links und rechts empor. Schnell wechselte er die Straßenseite, schaute dabei nach hinten und sah, dass der Verfolger weiterhin an seinen Fersen hing.
Den Passanten immer wieder ausweichend, fiel er fast vor eine Kutsche, die ratternd über die unförmigen Steine der Straße fuhr. Zwei große Marsale wieherten vor Schreck, aber der Kutscher konnte seine Flüche nicht loswerden, so schnell war Samuel an ihm vorbeigezogen.
Die Zahl der menschlichen Hindernisse nahm ab, denn er näherte sich dem Stadtrand, wo es weit weniger Augen zu befürchten gab als in der belebten Innenstadt, die niemals schlief.
Nach Atem ringend bog er in die vereinbarte Seitengasse.

Er war überrascht von dem Gewicht seines Rucksacks. Als er die Würste vorhin hastig einpackte, dachte er noch, es wären zu wenige. Jetzt glaubte er fast, er hätte aus versehen ein ganzes Schwein gestohlen.
Am Ende der Sackgasse lehnte er sich schnaubend gegen die roten Backsteine einer Häuserwand. Mülleimer, Metallrohre und Ratten leisteten ihm Gesellschaft. Es war nicht der beste Ort, um wieder zu Atem zu kommen. Der Gestank war bestialisch.

Samuel schaute an den Wänden vorbei auf die Straße und wartete ungeduldig auf seinen Verfolger. Als dieser endlich in die Gasse einbog, bewunderte er dessen Kleidung. Neben den festen Stiefeln mit dem goldenen Kreuz auf dem Schienbein, trug er auch noch die richtige Uniform, bestehend aus einem dunkelblauen Hemd und einem Mantel in dreckigem Grau. Auf seinem Kopf trug er eine schwarze, flache Mütze.
Samuel fragte sich schon die ganze Zeit, wie sein Freund es geschafft hatte, an die Kleidung einer Stadtwache ranzukommen. Als sie sich den Plan zusammen ausdachten, wollte er es nicht verraten, was ihn umso neugieriger machte. Neben seiner Neugier war er aber auch ungeheuer hungrig und freute sich darauf, mit ihm jetzt ein paar leckere Würste zu essen.Er setzte ein breites Grinsen auf, als der Verfolger zu ihm kam. Gerade wollte er den Rucksack ablegen, als eine Faust mitten in sein Gesicht donnerte.

Samuel flog mit einem langgezogenen Blutspritzer auf den modrigen Boden. Er wusste nicht, wie ihm geschah und war mehr als verblüfft. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er sich seinen Mund und schaute nach oben. Jetzt erst sah er, dass die Wache keine schwarze Mütze trug. Es waren schwarze Haare, die ebenso wenig zu seinem Freund gehörten, wie das schadenfroh lachende Gesicht.
Breite Handschellen umklammerten Samuels Gelenke, während er mit hämischen Kommentaren aus der Gasse zurück auf die Straße geschubst wurde.
Entweder wurde er verraten oder im Stich gelassen. Egal was es war, er würde seinem Freund eine Lektion erteilen müssen, denn der Ehrenkodex der Diebe war ihm heilig.

 

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Daniela Herbst 12/05/2013 No Comments

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