Hohle Versprechen

An einem dieser Tage …

»Die Bluse steht dir.«
Jessika drehte sich zu Hälfte um und zwang sich zu einem schiefen Lächeln. Sie spürte selbst, dass es nicht echt aussehen konnte – dafür fühlte es sich zu verkrampft an.
»Die Farbe passt gut zu deinen Haaren.« Stefans zweites Kompliment nahm sie nur noch mit einem Schulterzucken entgegen, bevor sie sich wieder dem Kleiderschrank zuwandte und in seinen Untiefen nach ihrem braunen Gürtel kramte.
»Ich gehe jetzt.«
»In Ordnung«, murmelte sie.
»Wir sehen uns heute Abend.«
Sie hörte, wie er sich von der Bettkante löste. Das dämliche Teil knarrte bei der kleinsten Bewegung, als würde es jeden Moment auseinanderfallen; dabei hatten sie das Metallungetüm erst vor knapp einem Jahr gekauft. Eine der wenigen Neuanschaffungen, die in ihrem Budget gewesen war.
»Ich liebe dich, Jessi.«
Stefan stand genau hinter ihr, das wusste sie, auch ohne hinzusehen. Vermutlich trennten sie keine zehn Zentimeter. Unwillkürlich spannte sich ihr Körper an und sie beugte sich tiefer in den Schrank.
»Ich liebe dich auch«, flüsterte sie und berührte blind seinen Oberschenkel.
Wenn er vorgehabt hatte, sie zu umarmen oder zu küssen, so dürfte er diesen Plan verworfen haben. Denn er verließ kommentarlos seinen Platz.
Keine zwei Minuten später hörte sie die Haustür ins Schloss fallen.
Sie atmete erleichtert aus.
Im Augenblick konnte sie seine Nähe einfach nicht ertragen – geschweige denn eine zärtliche Berührung. Der Gedanke daran verursachte ihr Übelkeit. Eine schmerzliche Übelkeit, denn trotz ihrer mittlerweile siebenjährigen Beziehung, war nichts von ihrer Leidenschaft füreinander verloren gegangen.
Was es umso schlimmer machte …
Sie schnappte sich den Gürtel und schlich Richtung Badezimmer.

 

Der kleine Raum mit seinen weißen Kacheln und der hellblauen Einrichtung begrüßte sie zum zweiten Mal an diesem Tag mit einer Distanz, die nicht das winzigste Bisschen Wärme ausstrahlte. Fröstelnd drehte sie die Heizung höher und legte ihre Kleider auf die Toilettenschüssel.
Dann griff sie nach ihrem Lieblingshandtuch, ließ es aber nach kurzem Zögern im Regal. Bevor sie auch nur daran denken konnte, zu duschen, musste sie wohl erst einmal das Chaos beseitigen.
Seufzend bückte sie sich nach Stefans Hemd und stopfte es in den Wäschekorb. Ihm folgten ihre gestreifte Bluse, eine Jeans, ein T-Shirt und der beige Rock, den sie eigentlich zum Gürtel hatte anziehen wollen. Stattdessen würde sie jetzt die graue Hose und einen khakifarbenen Pullover tragen.
»Verdammt …« Ihre Hände zitterten, als sie nach dem Waschlappen und den Taschentüchern hangelte, die wild verstreut auf dem Boden lagen.
Ihr wurde etwas schwindelig und schwankend setzte sie sich auf den Badewannenrand. Das satte Burgunder auf den weißen Stofffetzen wirkte im Kontrast zu den sauberen Fließen so deplatziert und falsch, dass es ihr wie eine Beschmutzung ihrer Intimsphäre vorkam.
Ohne wirklich aufzustehen, schnappte sie sich die zerknüllten und verdreckten Taschentücher, hob den Klodeckel einen Spalt breit an und warf sie blind in das Loch. Das muschelförmige Oval fiel krachend zurück in seine Position; und Jessika atmete stockend aus. Spülen konnte sie später; Hauptsache die Dinger verschwanden in der Zwischenzeit aus ihrem Sichtfeld.

 

Blieb der Waschlappen.
Zittrig erhob sie sich, fasste den Fetzen mit Daumen und Zeigefinger und warf ihn ins Waschbecken, als wäre er ein giftiges Insekt. Sofort liefen kleine rote Rinnsale die weiße Fläche entlang zum Ausguss.
Sie drehte den Hahn auf heiß und hielt das flauschige Rechteck darunter. Die halb eingetrockneten Flecken lösten sich träge auf und verteilten ihre Farbe. Das ehemalige Blumenmuster verschwand unter schlieriger Tomatensuppe. Jessika begann, daran zu reiben.
»Das wird nie wieder vorkommen …«, murmelte sie gegen den Klang des Wassers. »Ich werde mich ändern …«
Die Worte hatte sie schon so oft gehört, dass sie längst ihre Bedeutung verloren hatten. Mittlerweile waren sie nichts mehr weiter, als eine hohle Aneinanderreihung von Silben. Jede davon trieb ihr Magensaft in die Speiseröhre.
»Scheiße!« Wütend warf sie den Waschlappen, der ungebrochen Blut absonderte, ins Waschbecken. Er klatschte gegen die Keramik und spritzte winzige Tröpfchen an die Fliesen.
»Ich werde dich nie wieder schlagen …«, flüsterte sie und brach halb erstickt in Tränen aus. »Ich schwöre es, Stefan … Ich werde dir nie wieder wehtun, Stefan … Verzeih mir, Stefan …«
Sie wandte sich vom Spiegel ab. Sie konnte ihren eigenen Anblick nicht länger ertragen.

 

Daniela Herbst 04/05/2013 No Comments

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