Handwerkers Rache

Der schrille Schrei hallte durch den leeren Baumarkt. Laut und nachhaltig. Selbst ganz hinten in der Holzabteilung musste er die Wände zum Wackeln bringen.
»Gottverdammter Bastard! Sie sind ja irre!!!«
»Kann ich vielleicht was dafür, dass Ihr leicht zu entfernender Kleber nicht einmal mit Terpentin abgeht?!« Fasziniert betrachtete Gerd Winkler das Büschel Haare, das sich mitsamt Hemd von der Brust des Angestellten gelöst hatte. Der Skalp des Cowboys … Jetzt verstand er endlich, wie Frauen den Berufswunsch Kosmetikerin entwickeln konnten – das machte auf eine sadistische Art echt Spaß.
»Hören Sie, noch ist nicht viel passiert, lassen Sie uns …«, versuchte es der junge Bursche mit dem unappetitlichen Nasenpiercing.
Doch Gerd legte den behandschuhten Finger an seine Lippen und schüttelte nachsichtig den Kopf.
»Bitte, ich …«
»Okay, du wolltest es ja nicht anders …«
Ein Streifen Klebeband beendete ihr Gespräch, ehe es die Chance gehabt hatte, richtig in Schwung zu kommen.


»Weiter im Text.« Das Gezappel seines Gefangenen ignorierend, förderte Gerd Winkler eine matt glänzende Maschine aus seiner Sporttasche. Demonstrativ hielt er sie ihm unter die von Rotz tropfende Nase. »So, das hier ist die Nagelpistole, die du mir höchstpersönlich vor sechs Wochen empfohlen hast. Angeblich verfügt sie über eine automatische Sicherung. Kein Schuss bevor das Gerät nicht auf festen Widerstand trifft.«

Die Füße des Baumarktangestellten stemmten sich gegen das Regal, an das er gefesselt war. Fast wie in einem Stepptanz klatschten sie auf den Boden.
Gerd hob die Maschine an und zielte.
Fünf Sekunden später hörte zumindest der rechte Fuß auf, sich zu bewegen. Dafür ragte ein langer Nagel aus dem dazugehörigen Turnschuh und hinter dem Klebeband erklang ein gedämpftes Fledermausquietschen.
»Hoppla. Funktioniert wohl auch so.«
»Mmm … mhh … mmmm …«
»Ich verstehe dich so schlecht. Warte.« Mit einem beherzten Ruck riss er dem Mann den silberfarbenen Knebel vom Mund.
Ein paar Hautfetzen lösten sich und feine Blutfäden rannen ihm aufs Kinn. Dazwischen bildeten sich Dutzende Bläschen. Er gab ein Wimmern von sich, das an einen getretenen Hund erinnerte. Und seine weit aufgerissenen Augen sahen aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen.

 

»Entschuldige, ich hatte glatt vergessen, dass euer Klebeband allergische Reaktionen hervorruft.« Gerd Winklers Mund umspielte ein boshaftes Grinsen. »Nicht heulen; es hört in knapp zwei Stunden auf, zu brennen.«
»Bitte. Lassen Sie mich gehen. Ich verspreche, ich mache Ihnen keinen Ärger.«
»Dafür ist es leider zu spät.«
Das Klappern von Metall auf Metall erfüllte das weitläufige Geschäft. Nicht mehr lange und der Kerl machte sich garantiert in die Hosen. Er zitterte schon jetzt wie unter Schüttelfrost und seine gesamte Körperhaltung erinnerte an ein Häuflein Elend. Aber die Wut, die ihr Treffen begleitete, ließ wenig Raum für Mitleid.
»Hilfe! Hiiiiilfe!!!«
 »Sei still!«, zischte Gerd und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Dann fuhr er unbeirrt fort: »Weißt du, nicht alles was du mir aufgeschwatzt hast, war Schrott. Die Zange ist einwandfrei.« Ohne mit der Wimper zu zucken, holte er das Werkzeug aus seiner Tasche, griff damit das Nasenpiercing und zog einmal kräftig an.
Dieser Schrei klang tiefer und voller.
»Ich flehe Sie an …« Nun weinte der Baumarktangestellte tatsächlich; und auf seiner Hose bildete sich ein verdächtiger Fleck. »Sie kriegen Ihr Geld zurück … plus eine fette Entschädigung … in der Kasse sind mehr als tausend Euro …«
Gerd Winkler lachte humorlos auf.
»Nett, nur bringt mir das meine Finger auch nicht wieder, oder?!« Er streifte die Handschuhe ab und präsentierte eine furchtbar entstellte Hand, an der Zeige- und Mittelfinger fehlten.
»Oh Gott, wie …?«
»Ich habe letzten Monat doch diese Handkreissäge bei dir gekauft. Erinnerst du dich?«
Ein verstörtes Nicken.
»Tja, ich schätze, die war am Ende leider nicht so gut verarbeitet, wie du behauptet hast …«

 

Daniela Herbst 23/10/2013 No Comments

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