Geständnisse

Ich bin durch und durch eine Großstadtpflanze. Zwei Meter hinter dem Ortsschild fängt für mich das Landleben an. Wenn ich mit Verwandten in Niederbayern telefoniere, kommt es meist nach wenigen Minuten zu interkulturellen Verständigungsproblemen. Um Besuche habe ich mich bisher erfolgreich gedrückt. Ich überspringe konsequent die Regionalkanäle im Fernsehen und brauche für den Brandner Kaspar schon fast einen Dolmetscher. Außerdem bin ich felsenfest davon überzeugt, dass König Ludwig II niemals wieder zurückkommt.
»Christinchen«, meint meine Mutter dann gern. »Fang bloß nicht auch noch an, deinen Kartoffelsalat mit Mayonnaise und Gurkenstückchen zu essen. Am Ende jagen sie dich mit der Mistgabel über den Limes ins Preußenland!«


Natürlich sagt sie das in dem ihr ureigenen Dialekt – München trifft Deggendorf –, wodurch es gleich dreimal so witzig klingt und selbst ich schmunzeln muss. Sonst redet sie überwiegend Hochdeutsch. Zum Glück für ihre Schüler; sie ist nämlich Lehrerin für Geschichte und Erdkunde.
Jedenfalls will ich damit nur klarstellen, wie wenig ich eigentlich mit bayrischem Traditionsgut am Hut habe. Zusammengefasst etwas mehr als nichts; und das eher durch familiäre Bande erzwungen, denn freiwillig.
*
So, warum posaune ich meine fehlende Heimatverbundenheit nun derart nachdrücklich in die Welt hinaus? Gute Frage. Aufgrund des Kulturschocks würde ich behaupten. Oder mit anderen Worten: Weil ich gerade im Zug Richtung Niederbayern sitze und mich mal wieder wundere, dass die Kühe hier nicht lila sind, sondern schwarz-weiß gescheckt.
In meinen Händen halte ich ein altes, vergilbtes Kuvert.
Der Brief ohne Marke stammt von meinem Opa. Dem Gewicht nach ein einzelnes Blatt, das er vor schätzungsweise hundert Jahren eingesteckt und mit eigener Spucke zugeklebt hat. Selbstredend darf ich ihn weder verlieren noch öffnen und schon gar nicht lesen.
Meine Rolle beschränkt sich einzig und allein darauf, ihn zu der angegebenen Adresse in Ruhmannsfelden zu bringen.
Treffe ich dort auf eine Marie, möchte ich ihn ihr geben. Wohnt sie nicht länger in dem Haus, soll ich fragen, wohin sie gezogen ist und sie da besuchen. Weiß es vor Ort niemand, lautet der Auftrag, mich im Dorf zu erkundigen. Kriege ich wieder keine anständige Auskunft, heißt es ab mit dem Brief in die Isar.
Tja, mein Opa hasst ungenaue Angaben …
Ich sollte vielleicht kurz erwähnen, dass er aktuell achtundsiebzig Lenze zählt und mit einer angehenden Lungenentzündung im Krankenhaus liegt. Er wird sicher nicht daran sterben – dafür ist er zu stur und zäh – aber momentan kann man ihm als Enkelin einfach schwer einen Wunsch abschlagen.
Nicht, dass ich mit meinem Studium nicht genug um die Ohren hätte. Ich stecke quasi bis zum Hals in unleserlichen Seminar-Notizen, Rohentwürfen und Recherchen. Allerdings finden gerade keine Vorlesungen statt und für meine beiden Semesterarbeiten habe ich ja noch locker zwei Monate Zeit. Heiliges Alpenglühen, wie genau alte Menschen zuhören, sofern es ihnen gelegen kommt … Meine Abneigung gegen Semmelknödel ignoriert er dagegen bis heute.
»Semmelknödel gehören zur bayrischen Esskultur«, informiert er mich meist nur lapidar, wenn ich sie möglichst unauffällig an den Rand des Tellers schiebe. Was ohnehin einem Kunststück gleichkommt, da meine Oma Exemplare von der Größe eines Kinderschädels produziert.
Also opfere ich mich dann halt für die Sache und futtere einen halben (in Soße ertränkten und mit ordentlich Blaukraut umwickelten) Knödel. Zur Belohnung gibt es im Anschluss fast immer frischen, hausgemachten Apfelkuchen.
*
Apropos, während ich da vorne den Bahnhof näherkommen sehe – ich kriege langsam Hunger. Mein Magen knurrt wie ein Wolpertinger. Die Metapher würde meiner Mama gefallen. Ich hätte mir ein paar belegte Brote mitnehmen sollen oder zumindest einen Müsliriegel. Egal. Zu spät. Das kleine Stückchen bis zur nächsten Gaststätte werde ich gerade noch überleben. Ob es hier in der Gegend einen Italiener gibt? Vermutlich schon, aber das wäre doch irgendwie peinlich, zu fragen. Als bestellte man in Hongkong Wiener Schnitzel.
Prima, wir halten.
Zeit meine sieben Sachen zusammenzuraffen. Zum Glück bleibe ich nicht lange und reise daher mit wenig Gepäck. Genau genommen habe ich bloß eine Handtasche und meinen pinken Trolley dabei. Letzterer klappert fröhlich über das Kopfsteinpflaster und die Leute drehen sich reihenweise nach mir um. Das ist übrigens auch außerhalb von Niederbayern so. Mich würde nur mal interessieren, ob es an dem penetranten Geräusch oder der Farbe liegt. Ich tippe auf eine perverse Mischung aus beidem.
Macht nix. Zumindest habe ich gleich in der Nähe ein Wirtshaus ausgemacht. Der Name klingt zwar wenig italienisch – eher Jägerlateinisch – aber ich werde mal mutig sein und mich der regionalen Küche annähern.
Sieht doch ganz nett aus. Obwohl der Speiseraum auf den ersten Blick etwas gewöhnungsbedürftig ist. Alles in Eiche brutal eingerichtet; vom Tresen bis hin zu den Stühlen mit Blümchenpolster. An der Wand hängen irgendwelche Geweihe, von denen Spinnweben herunterbaumeln, und die Porzellaneinfassung der Lampen könnte glatt aus der Vorkriegszeit stammen.
Die Bedienung ist dafür umso freundlicher. Vreni. Ich habe ein Apfelschorle und eine kleine Brotzeit bestellt – allerdings ohne Obatzten und Presssack, davon wird mir übel. Radi, Leberkäs, Ei und Breze reichen locker zum Sattwerden. Die Frau in ihrem Dirndl hat mich wissend angegrinst und alles auf ihrem Block notiert. Ich dünste wohl »Tourist« aus.
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Gestärkt und mit diesem typischen Rettich-Geschmack im Mund, den man erst nach Stunden wieder los wird, tuckere ich nun Ruhmannsfelden entgegen. Dabei hatte ich Glück, gerade noch den Bus zu erwischen. Ein Fitzelchen später und ich hätte bis nachmittags auf den nächsten warten dürfen. Als jemand, der S-Bahnen im Fünf-Minuten-Takt gewöhnt ist und kein Auto besitzt, würde ich hier durchdrehen. Oder aufs gute alte Fahrradfahren umsteigen. Dauert dann halt ein bisschen länger, bis ich irgendwo ankomme. So einen halben Tag über den Daumen gepeilt …
Wobei der Ausblick aus dem Fenster für einiges entschädigt. Wirklich idyllisch. Genau so stelle ich mir das perfekte Postkartenmotiv aus der Sommerfrische vor: Hügel, Wälder, Wiesen, Felder, hübsche Häuschen – alles wie auf einer überproportionalen Modelleisenbahn.
Und dabei irgendwie nostalgisch. Säße mir jemand mit einer Zeitung von 1910 gegenüber, ich wäre nicht wundern. An manchen Ecken könnte man tatsächlich glauben, die Zeit sei stehengeblieben. Vor uns tuckert zum Beispiel gerade ein Traktor über die Straße, der den kompletten Verkehr aufhält und keinen schert es großartig. Dann wird eben eine Weile hinterher getuckert, bis er bei Gelegenheit abbiegt. Die Uhr gefühlt zurückgedreht auf anno dazumal. Und trotzdem hatte Vreni, die freundliche Bedienung aus dem Wirtshaus, ein iPhone5 in der Dirndl-Schürze.
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Halleluja, langsam werde ich nervös. Ist irgendwie ein seltsames Gefühl im Namen eines anderen eine fremde Person zu treffen – und im Endeffekt nicht einmal zu wissen, warum. Denn wie gesagt, ich kenne den Inhalt des ominösen Kuverts, das ich übergeben soll, selbst gar nicht.
Dieser Brief … Ich habe ihn ins Innenfach meiner Handtasche gesteckt. Ich konnte ihn ja schlecht bis Ruhmannsfelden in meinen schwitzigen Fingern halten; bis dahin hätte er sich vermutlich aufgelöst. Trotzdem muss ich ständig darüber nachgrübeln, was mein Opa dieser Marie wohl seinerzeit Geheimnisvolles geschrieben hat.
Vielleicht war sie vor vielen Jahren seine erste große Liebe, doch wie Romeo und Julia trennten sie widrige Umstände. Oder er hat sich damals nicht getraut, ihr seine Liebe zu gestehen. Fände ich beides romantisch; meiner Oma gegenüber aber nicht besonders fair.
Na, ich werde es bald erfahren. Das Haus da vorne müsste es sein. Und bei der weißhaarigen Frau, die am Gartenzaun steht und dem Bus zuwinkt, sollte es sich um besagte Marie handeln. Ich war nämlich so frei, die Pläne meines Opas den modernen Zeiten entsprechend ein wenig zu modifizieren. Bevor ich in die unendlichen Weiten Niederbayerns aufgebrochen bin, habe ich kurz das Telefon bemüht und herausgefunden, dass die Gute nach wie vor in ihrem Elternhaus lebt. Sie ist zudem verwitwet, zweifache Mutter, sechsfache Großmutter und seit letztem Mai Urgroßmutter. Außerdem freue sie sich sehr auf mich und die kleine Botschaft aus der Vergangenheit.
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Scheint zu stimmen. Sie geduldet sich nicht einmal bis ins Haus. Nach einer herzlichen Begrüßung fragt sie mich direkt nach dem Brief und ich gebe ihn ihr. Sie liest ihn gleich auf der Gartenbank.
Ich schiele verstohlen zu ihr hinüber und versuche, aus ihrer Reaktion etwas abzuleiten. Sie schüttelt den Kopf. Lacht gleichzeitig und vergießt ein paar Tränen. Flüstert davon, wie lange das alles doch her wäre, und lächelt mich wissend an.
»Mogst wissn, was drinsteht?«, murmelt sie.
Ich nicke und erhasche einen Blick auf eng beschriebe Zeilen in einer kindlichen Schrift. Dann beginnt sie, mir in einer kruden Mischung aus Bayrisch und verwaschenem Hochdeutsch vorzulesen:
*
Liabe Marie,
du woast ja, dass mir übermorgen wegziehn. Papa hat a Arbeit in München und mir werden da alle miteinander leben. Mama meint, i soll dir an Abschiedsbriaf schreibn, weil du mei beste Freundin bist und so. Sie sagt, mir sehn uns wahrscheinlich nie mehr wieder.
Du wirst mir fehlen.
Vielleicht kannst, wenn ich weg bin, nach Heidrun und ihren Jungen schaun. Die Katzerln missten bald die Augen aufmoacha. Den Kloana mit dem schwarzen Fleck am Kinn hab i Alois tauft. Für die andern is mir kei gescheiter Name eingfallen.
I muss dir au no was Wichtiges sagen.
Erinnerst dich an letzten Oktober? Jemand hat dem Vikar Hagebutten-Körner ins Gewand gsteckt und der kratzte sich die gsamte Messe wie verrückt? Du hast am lautesten von uns alle glacht, deswegen haben der Herr Pfarrer und deine Eltern dacht, dass du es woarst. Zehn Rosenkränze, fünf Ave Maria und zwei Wochen Hausarrest. Nix verraten hast, sondern den Mund ghalten. Ganz schön mutig für a Madel. Unten am Bach schimpften mir dann über den Xaver, der es bestimmt gwesen is, der Feigling. I war es aber. I hab dem Vikar des Juckpulver ins Gwand und mich nicht traut, was zu sagen. Tschuldige bitte.
Pfiat di Gott und Servus. Dein Joseph.

 

Daniela Herbst 19/12/2015 No Comments

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