Gesprächswurm

Wir lauschen einem Gespräch, wie es überall auf der Welt stattfinden könnte, es aber hoffentlich nicht tut …

»Du hast meinen Goldfisch umgebracht. Heute Morgen schwamm er mit dem Bauch nach oben in seinem Glas.«
»Das Glas war so dermaßen dreckig, vermutlich hat er sich eine Schmierfilm-Vergiftung zugezogen. Ich bin jedenfalls unschuldig.«
»Unschuldige Menschen versuchen nicht, ihre Taten zu verbergen. Und du wolltest sie sogar im Klo runterspülen. Ich hab´s gesehen, der Deckel war schon hochgeklappt!«
»Ich klappe den Deckel immer hoch. Ich pinkle nämlich im Stehen! Du kriegst das nur nicht mit, weil ich ihn rechtzeitig wieder runter mache, damit du es nicht merkst!«
»Was ich merke ist, dass ich dich scheinbar kaum noch kenne. Erst tötest du meinen Goldfisch, dann besudelst du mein Badezimmer.«

»Unser Badezimmer! Wir wohnen hier schließlich zusammen.«
»Zusammen!? Komisch … beim Putzen, Waschen, Bügeln, Kochen, Saugen und Müll runterbringen höre ich das Wort sonst nie! Da stellst du dich blind und taub.«
»Taub werde ich von deinem ewigen Genörgel!«
»Ich müsste nicht nörgeln, wenn du mal ein bisschen mitdenken würdest.«
»Ich denke halt an wichtigere Sachen als Dreckwäsche und Abfalltüten. Täte dir ebenfalls ganz gut. Du wirkst dauernd so verspannt. Das gibt bloß unnötig Falten.«
»Falten!? Willst du mir sagen, ich bin nicht mehr attraktiv für dich?! Du verstehst es echt, einer Frau Komplimente zu machen! Du bist so gemein.«
»So war das doch gar nicht gemeint. Mich nervt es nur, zu streiten.«
»Wir streiten nicht, wir diskutieren. Außerdem bereichern gelegentliche Diskussionen eine Partnerschaft. Solange es nicht in gegenseitige Vorwürfe ausartet.«
»Ich empfinde es aber irgendwie schon als Vorwurf, dass du behauptest, ich hätte deinen Goldfisch umgebracht. Dabei wasche ich meine Hände in Unschuld. Warum sollte ich ihm eine Schuppe krümmen? Ich fasse Fische prinzipiell nicht an, die finde ich nämlich ekelhaft. Deshalb wollte ich damals eine Katze.«
»Eine Katze hätte den Goldfisch getötet.«
»Jetzt ist er trotzdem tot. Und kein Argument gegen eine Katze.«
»Möchtest du etwa eine Katze? Ein Tier hinüber, holen wir uns das nächste. Das nennt man Taktgefühl …«

»Ich habe das Gefühl, ich sage dauernd das Falsche!?«
»Falsch … richtig … mir egal. Hol dir meinetwegen deine Katze. Aber du wirst dich um sie kümmern; das Klo säubern und sie füttern.«
»Natürlich werde ich sie füttern und alles andere erledigen.«
»Wenn du das Erledigen nicht vergisst.«
»Ich vergesse nichts. Deinem blöden Goldfisch habe ich jeden Tag seine Flocken ins Wasser gestreut – und den mochte ich nicht mal.«
»Moment mal. Von mir hat er auch jeden Tag sein Futter bekommen.«
»Bekam ihm wohl nicht so recht.«
»Scheiße.«

 

Daniela Herbst 19/06/2014 No Comments

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