Gesines Blumenbeet

Konzentriert führte Gesine die kleine Harke durchs Erdreich und setzte Samen für Samen die Blumenmischung ein, die sie letzte Woche im Supermarkt gekauft hatte. Die Körnchen waren nichts Besonderes, aber mit ein bisschen Zuwendung würden bestimmt ganz ansehnliche Pflänzchen daraus entstehen. Sie besaß den grünen Daumen; das hörte sie immer wieder.
»Sah ein Knab ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden …«, sang sie leise vor sich hin. »War so jung und morgenschön, lief er schnell, es nah zu sehn, sah´s mit vielen Freuden.«

 

Sie hockte sich auf ihre Unterschenkel und schüttelte die Hände aus. Bei Arbeiten wie diesen machte ihr das Rheuma merklich zu schaffen. Trotzdem zwang sie ihre Lippen zu einem Lächeln – schließlich wäre es wirklich undankbar, wegen solch eines Zipperleins zu jammern. Andere Frauen mit fast siebzig plagten sich mit weit schlimmeren Gebrechen.
»Röslein, Röslein, Röslein rot, … Röslein auf der Heiden.«
Die Nachmittagssonne schien auf das etwas abseits gelegene Beet des gepflegten Gartens. Sie drehte das Gesicht in ihr warmes Licht und genoss die Stille.
»Gesine? Brauchst du noch lange?«
War ja klar …
»Fünf Minuten.« Zögernd blinzelte sie. »Sagen wir lieber zehn.«
»Ich koche schon mal die Nudeln.«
»In Ordnung.« Ergeben nickte sie zu dem spiegelnden Fenster, hinter dem sie ihren Mann vermutete. Er hatte wirklich ein Talent, in den unpassendsten Momenten zu stören.

 

»Knabe sprach: Ich breche dich …«, setzte sie am Anfang der zweiten Strophe wieder ein. »…Röslein auf der Heiden!«
Sorgsam strich sie die Erde glatt, klopfte sie an und ging dann zur Regentonne, um die Gießkanne zu holen. Die Samen brauchten in der ersten Zeit viel Feuchtigkeit. Aber übertreiben durfte man es auch nicht; wurden sie nämlich zu nass, schimmelten sie. In einem ausgewogenen Verhältnis lag der Schlüssel.
Während sie ihre Saat also behutsam wässerte, lief ihr ebenfalls ein verstohlener Tropfen die Wange hinunter. Wie immer wenn sie hier draußen bei ihren Kindern war.
»Röslein sprach: Ich steche dich, dass du ewig denkst an mich …« Ihre Stimme klang heiser. »Und ich will´s nicht leiden.«
Gerald, der Älteste der vier Geschwister, wäre vergangenen Dienstag dreiundzwanzig geworden. Sie schluckte gegen den Kloß im Hals an. Ein richtiger Schock ist das damals für sie gewesen – schwanger mit über vierzig. Trotz Pille.
»Röslein, Röslein, Röslein rot, … Röslein auf der Heiden.«
Eine schnelle Geburt im Badezimmer.
Sie hatte ihn mit einem Handtuch erstickt.
Mühsam stand Gesine auf und klopfte sich den Dreck aus der gemusterten Schürze. Bei gutem Wetter sollten die Blumen bald sprießen.

 

Sabine folgte ein Jahr später. Ihren Körper musste sie knapp drei Monate in der Tiefkühltruhe verstecken, weil der Boden bereits gefroren war. Eine harte Zeit voller Zweifel, Ängste und Albträume. Maria kam kurz nach ihrem Sechsundvierzigsten, als der Arzt ihr eigentlich bescheinigt hatte, dass sie keine Kinder mehr kriegen könne. Zuletzt kam Thomas … zum Glück eine Totgeburt, bei der ihr eine Entscheidung erspart blieb.
Ihr Mann hatte nie etwas davon erfahren.
»Und der wilde Knabe brach ´s Röslein auf der Heiden …« Sie schickte mit der Rechten einen Kuss zum Grab hinunter. »Röslein wehrte sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach, … musst es eben leiden.«
Sie hatte sie alle geliebt. Gerald, Sabine, Maria, Thomas. Jeden Einzelnen von ihnen. Und sie hatte sie alle beschützt – auf die einzige Art und Weise, zu der sie fähig gewesen war. Denn welche Mutter konnte es zulassen, ihre Kinder in diese kalte und grausame Welt zu setzen?!
»Röslein, Röslein, Röslein rot, … Röslein auf der RoseHeiden.«
Nun ruhten sie hier. In Sicherheit. Behütet und umgeben von Blumen.
»Gesine? Die Nudeln sind fertig! Kommst du?«
»Bin gleich da …«, rief sie zum Haus; und an das Beet gewandt flüsterte sie: »Bis morgen.«

 

 

Daniela Herbst 27/02/2014 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.