Geschichte ohne Inhalt

Sie saß am Fensterplatz des Cafés, rührte abwesend in ihrem Latte und blickte hinaus. Die Leute, die vorbeigingen, nahm sie gar nicht wirklich wahr. Sie vermengten sich zu einer Art optischem Hintergrundrauschen.
Sie dachte nach.
Über nicht Bestimmtes eigentlich. Es war mehr so ein Gedanken schweifen lassen.
Und genau das stimmte sie heute traurig. Nein, das traf es nicht. Es stimmte sie trübe. Trübe … ein scheußliches Wort. So beschrieb man normalerweise schlechtes Wetter oder schmutziges Wasser – und keine Stimmung.
Sie seufzte und nippte an ihrem Latte, der langsam kalt wurde. Was gäbe sie jetzt für einen traurigen Gedanken. Oder eine freudige Erinnerung. Eine Sehnsucht. Einen Traum. Ängste. Ärger. Oder wenigstens irgendeine Gemütsregung, die nicht auf reine Gleichgültigkeit hinauslief. Im Höchstfall brachte sie Reue zustande. Die jedoch auch nur in einem Maße, das lediglich an der Oberfläche dahin dümpelte.
Denn was war Reue über nicht getane Dinge? Sie war wie der verschwommene Umriss einer Sache, die längst weitergezogen war. Und davon hatte es so viele gegeben. So viele verpasste Chancen. So viele ungenutzte Möglichkeiten. Hunderte Wege. Tausende winzige Abzweigungen. Und sie war stets geradeaus gegangen.
Träge schob sie ihr Glas mit dem halben kalten Latte von sich weg.
Er schmeckte ihr nicht mehr.
Als die Kellnerin an ihr vorbeiging hob sie kurz die Hand. Sie wollte nur noch weg. Wieder zurück in ihre vertraute Wohnung mit ihren Büchern und ihren beiden Katzen. Zurück in ihre überschaubare Welt. Dorthin, wo sie nicht jeder Wimpernschlag daran erinnerte, dass sie es verpasst hatte, ein richtiges Leben zu leben.
Sie bezahlte, zog ihre Jacke an und ging.
Vorbei an dem Pärchen, das sich verliebt ein Stück Kuchen teilte.
Vorbei an der Mutter mit dem Kinderwagen und dem Smartphone am Ohr.
Vorbei an all den Menschen, die ihre kleinen und großen Geschichten zu erzählen hatten. Anders als sie, die sie auf ewig im ersten Kapitel verharrt war und deren Zeit nun bald zum letzten Absatz springen würde.
Dazwischen nichts als leere Seiten.

 

Daniela Herbst 19/03/2016 No Comments

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