Gerechtigkeit auf Bayrisch

»Und Sie halten Selbstmord oder einen Unfall für ausgeschlossen?«, fragte Florian Riem und nahm seinen Notizblock zur Hand. Der junge Dorfpolizist schaute auf die Leiche hinunter, die Gesicht voraus im Kieselbach lag.
»Freilich«, erwiderte der Pathologe kurz angebunden.
»Weil´s hier zu seicht ist?«, bohrte er nach. Um in dem knöcheltiefen Rinnsal zu ertrinken, brauchte es schon eine ordentliche Portion Tollpatschigkeit. Oder Verzweiflung.
»Das auch. Aber ich habe den Stiefelabdruck im Genick gemeint.«
Riem stutzte und folgte dem ausgestreckten Zeigefinger. Tatsächlich, bei aufmerksamem Hinsehen erkannte man das rötlich verfärbte Muster einer Schuhsohle. Jemand hatte die Frau mit dem Fuß unter Wasser gedrückt.
»Können Sie den Todeszeitpunkt bestimmen?«
»Irgendwann gestern auf die Nacht.«
»Vielleicht etwas genauer?«
»Um fünf bis neun rum, würde ich schätzen.« Der Mann stand auf, nickte und marschierte in Richtung seines Autos. »Alles Weitere nach der Obduktion.«
Damit war das Gespräch offenbar beendet.
Unsicher, ob der Kerl ihn einfach nicht mochte oder ob er jeden Neuling im Revier so behandelte, gab Riem ihm eine Minute Vorsprung. Dann ging er ebenfalls zum Parkplatz neben dem Gemeindezentrum; wo sein Kollege Martin genannt »Martl« Waldauer bereits auf ihn wartete. Bärendreck kauend und in eine hitzige Diskussion mit einer aufgebrachten Rentnerin vertieft.

 

»Okay, ich habe alles. Wir können fahren.«
»Nix für ungut …« Waldauer lüpfte seine Mütze und schwang sich hinters Lenkrad des Streifenwagens. Für seine knapp sechzig Jahre und hundert Kilo wirkte das Ganze sogar halbwegs gelenkig. »Kommen Sie halt morgen aufs Revier, dann nehmen wir ein Protokoll auf.«
Die Frau starrte ihm grantig nach.
»Hatte sie Hinweise zu der Toten?«, fragte Riem und nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
»Ach was, die wollte nur ein paar Saububen anzeigen, die aus Dollerei fremde Briefkästen grün ansprühen. Nervige alte Schachtel!« Er grinste. »Darum darfst du dich kümmern. Ich habe morgen frei.«
»Besten Dank auch.«
»Gern geschehen. Sollst dich doch richtig bei uns einleben.«
»Hat sonst jemand was gesehen oder gehört?«, wechselte Florian Riem rasch das leidige Zuagroasten-Thema.
»Nein. Nix.«
»Der Pathologe sagt, sie ist zwischen fünf und neun Uhr abends gestorben und das keine zwanzig Meter vom Gemeindezentrum entfernt.« Er schnaubte auf. »Um die Zeit ist es da normal rappelvoll. Irgendeiner muss was mitgekriegt haben.«
»Hat der Herrgott gestern wohl Augenbinden und Ohrstöpsel vom Himmel geschmissen …«
Der Streifenwagen setzte sich langsam in Bewegung.
Als sie vom Parkplatz glitten, blickten ihnen eine alte Dame missmutig und mindestens sechs Augenpaare verstohlen hinterher.
»Was machen wir jetzt?«
»Jetzt informieren wir erst einmal die Angehörigen«, meinte Waldauer. »Das Opfer hieß Katharina Manger? Hast du die Adresse?«
»Du kennst die Frau nicht?«, stichelte Riem und blätterte in seinem Notizblock. »Ich dachte auf dem Dorf kennt jeder jeden.«
Sein Kollege verzog missmutig den Mund.
Er dagegen grinste das zufriedene Grinsen des ewig Zuagroasten.
»Na, flüchtig sagt mir der Name schon was. Ich glaube ihr Mann stammt von hier. Sind vor drei Jahren mit ihrem kleinen Sohn aus Ingolstadt hergezogen. Doch wenn du mich fragst, wo genau die wohnen …«
Er hatte den Eintrag gefunden.
»Am Weiher 3.« Florian Riem sah auf die Uhr. »Ist ziemlich weit draußen. Denkst du, wir können unterwegs irgendwo anhalten und uns einen Kaffee besorgen?«
»Du trinkst um neun Uhr früh Kaffee? Pervers.« Waldauer schüttelte angewidert den Kopf. »Aber ich könnte eine Leberkäs-Semmel vertragen.«

 

Eine gute halbe Stunde (einen Becher braunen Muntermacher und eine Leberkäs-Semmel) später erreichten sie das Haus der Mangers. Ein gepflegtes Gebäude aus der Jahrhundertwende, das mal wieder einen neuen Anstrich gebraucht hätte, insgesamt jedoch in ordentlichem Zustand zu sein schien. Vor dem Haus stand etwas klischeehaft eine Holzbank. Und als wäre das noch nicht Dorfcharakter genug, saß an ihrem linken Ende eine weißhaarige Frau in einer Schürze. Auf ihrem Schoß hielt sie einen Jungen von vielleicht vier Jahren und verfolgte mit starren Augen ihre Ankunft.
Die beiden Polizisten parkten neben dem halbhohen Zaun zum Vorgarten, an dem ein mit grüner Farbe angesprühter Briefkasten hing, und stiegen aus dem Wagen.
»Grüß Gott, mein Name ist Florian Riem, das ist mein Kollege Martin Waldauer.« Er nickte freundlich. »Können wir Herrn Manger sprechen?«
»Ist nicht da«, brummte die Alte.
»Und wann kommt er wieder?«
Die Frau zuckte mit den Schultern.
»Wissen Sie, wo wir Herrn Manger finden?«
»Was wollen Sie von ihm?«
»Wir müssen in einer dringenden Angelegenheit mit ihm reden.«
»Ich bin seine Nachbarin. Sagen Sie´s mir. Ich richt´s ihm aus.«
»Wir möchten ihn gern persönlich sprechen«, beharrte Riem.
Die Alte machte keine Anstalten, auf das Gehörte zu reagieren. Im Gegenteil, sie sah weg und strich dem Kind auf ihrem Schoß über den blonden Schopf. Eine blutige Schramme verlief von seiner Stirn bis zum Kinn. Wirkte frisch.
»Es geht um seine Frau Katharina«, erklärte Waldauer.
»Die Schlampen ist tot.«
Florian Riem fiel die Kinnlade herunter. Auch wenn er sich langsam daran gewöhnte, dass in dieser Gegend niemand ein Blatt vor den Mund nahm – der Kommentar war doch ziemlich derb. Besonders in Anwesenheit des Buben.
»Hat sie gestern ersäuft wie eine dreckige Ratz!«
»Wer?«
»Na sein Babba hier.«
»Herr Manger hat sie umgebracht?«
»Freilich. Obwohl´s kein Umbringen war. Gerechte Strafe nenne ich sowas.« Die Alte drehte das Gesicht des blonden Jungen so zu ihnen, dass sie die Verletzung in vollem Ausmaß sehen konnten. »Hat ihn mal wieder verprügelt. Und dann haut sie ab ins Gemeindezentrum zum Filmabend, als wäre nix gewesen. Wird wahrscheinlich blind werden auf dem Auge.«
»Und Herr Manger?«, fragte Riem.
»Ist ihr nach, als er heimkam und den Kleinen so im Bett liegen gesehen hat.«
Die beiden Polizisten tauschten Blicke.
»Schauen´s bloß ned so entsetzt. Wurde endlich Zeit, dass jemand was unternimmt.« Die Alte straffte das Kinn. »Wusste doch jeder, dass des Luder ihren Sohn verprügelt, oder Martl?!«
Martin Waldauer schwieg.
»Jeder hat´s gewusst und alle haben sie weggeschaut, nicht Martl?!«
Florian Riem rieb sich über die trockenen Lippen.
»Das ich mich morgen fei an nix von dem ganzen Schmarrn erinnern kann, ist euch klar?! Ich bin senil. Und die Leute vom Gemeindezentrum sind taub und blind – kommt wohl vom schlechten Gewissen.« Sie grinste mit entblößten gelben Zähnen und tätschelte dem Kind die Schultern. »Tut dem Dorf einen Gefallen und schreibt einfach Selbstmord oder Unfall in den Bericht.«
Das würden sie selbstverständlich nicht tun, aber Freunde brachte ihnen diese Sache am Ende sicher nicht ein.

 

Daniela Herbst 06/07/2015 No Comments

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