Generationswechsel

Unschlüssig stand Abe van Lessing vor seinem Waffenschrank und versuchte sich daran zu erinnern, von welcher Kreatur der Anrufer berichtet hatte. Werwolf oder Vampir? Sein Gedächtnis ließ in letzter Zeit merklich nach. Vielleicht hatte es aber auch an der undeutlichen Aussprache des Mannes gelegen – südländischer Akzent und panisches Kreischen vertrugen sich schlecht. Tja, es half nichts, er musste sich entscheiden. Pflock? Silberkugeln?
Nach einer Weile griff er genervt zu einer Axt. Schließlich dürften beide Spezies ihre Probleme damit haben, ohne Kopf durch die Gegend zu laufen. Anders als dieses Miststück, das ihm vergangenen Oktober hinter dem Kino aufgelauert hatte …


Abe straffte die Schultern und warf sich den Rucksack über. Er wurde langsam wirklich zu alt für diesen Scheiß. Jemand, der morgens seine Zähne einklebte, sollte nachts eigentlich nicht mehr auf Monsterjagd gehen müssen. Aber aus den Reihen der jungen Leute fühlte sich ja keiner berufen, seine Nachfolge anzutreten. Davon abgesehen brauchte er das Ganze wie die Luft zum Atmen; was sollte er sonst bitte machen? Auf einem Seniorennachmittag beim Kartenspielen konnte er sich seinen faltigen Arsch irgendwie schwer vorstellen. Obwohl er oft »Kreuz sticht Herz« sagte. Allerdings besaß es da eine völlig andere Bedeutung. Grinsend stieg er in den Wagen und drückte das Gaspedal Richtung Bodenblech.

 

Die nächtliche Stadt lag ahnungslos vor ihm. Wenn die Menschen in ihren Betten nur den blassesten Schimmer gehabt hätten, welche Wesen durch ihre Straßen zogen. Und dass sie für die meisten von ihnen im Grunde nur ein Big Mac am Drive In waren …
Manchmal wünschte auch er sich seine Unwissenheit zurück. Man schlief mit einem Hauch Ignoranz einfach erheblich besser. Vergessen … kein völlig unrealistischer Wunsch. Ließ sein Hirn weiter in diesem Tempo nach, klappte es damit vielleicht noch vor Weihnachten.
Er tätschelte den Waffenbeutel auf dem Beifahrersitz. Doch bis dato würde er so viele der Bastarde ausradieren, wie er nur konnte.
Grinsend bog Abe in eine Seitenstraße, drosselte die Geschwindigkeit und erreichte nach wenigen Metern das schmiedeeiserne Tor am Eingang des Westfriedhofs. Wirkte alles recht friedlich, aber irgendwo da draußen trieb sich das Monster (Vampir? Werwolf?) herum.

 

»Auf in die Schlacht.« Er stieg aus dem Wagen, schnappte sich die Axt und schulterte den Rucksack mit seiner üblichen Allzweckausrüstung. Dann betrat er den Kiesweg, der zwischen den Grabsteinen hindurch das gesamte Gelände wie ein Netz umspannte.
»Bei der Engelstatue links, die kleine Gruft …« Mit scharfem Auge suchte er den am Telefon genannten Punkt. »Unter der Birke …«
Bereits nach drei Minuten hatte er sein Ziel gefunden. Und konnte ohne großes Aufheben erkennen, dass sein Anrufer sich getäuscht hatte – statt um einen Werwolf oder Vampir handelte es sich eindeutig um einen Zombie. Das sagte ihm zum einen die Art wie das Grab verwüstet worden war und zum anderen der halb verweste Fuß, der auf dem Kiesweg lag.

 

Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht schlurfte die Kreatur auch schon um die Ecke. Dreckige Klamotten, schräger Gang, erhobene Arme, unartikuliertes Stöhnen. Abe zögerte keinen Moment. Wild brüllend stürzte er sich auf den Zombie und spaltete ihm den Schädel. Tot. Mausetot. Sicherheitshalber zerkleinerte er trotzdem die Knochen, übergoss sie mit Feuerzeugbenzin und zündete das Bündel an.
Geschafft. Feierabend.
»Sie sind verhaftet!« Eine starke Frauenhand packte seine Schulter.
»Ich weiß, wie das hier aussieht«, sagte Abe, während er sich langsam umdrehte. »Sie glauben wahrscheinlich ich wäre ein Grabschänder, ein Satanist oder irgend so ein Perversling, den es aufgeilt Leichen auszubuddeln …« Er stand einer jungen Blondine mit hellblauen Augen gegenüber, die ihm eine Pistole in die Rippen drückte. »Aber vertrauen Sie mir, meine Liebe – es gibt Dinge da draußen, die sie einfach nicht verstehen.«
»Okay, ich rate mal …«
»Nur zu«, raunte er.
»Sie sind ein Jäger.« Die Frau schnalzte mit der Zunge. »Und Sie haben gerade einen frisch erwachten Zombie getötet.«
Abe wurde blass. Schlaues Mädchen.
»Um es genauer zu definieren: Sie sind ein unregistrierter Jäger, der ohne Genehmigung einen frisch erwachten und damit potenziell unschuldigen Zombie oder – wie wir sie politisch korrekt nennen – »Alternativlebenden« ermordet hat und sich dadurch eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht. Deshalb wiederhole ich: Sie sind verhaftet.«
Keine zwei Minuten später saß er in einem schwarzen Geländewagen und war auf dem Weg zu dem, was die Frau als die »Organisation« bezeichnete. Zombie-Mord … Verdammt, die Zeiten hatten sich offenbar radikal geändert. Ein richtiger Generationswechsel. Er musste nur noch herausfinden, ob ihm das gefiel oder nicht.

 

Daniela Herbst 13/05/2014 No Comments

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