Frankstein E.N.

Irgendwo in einem zugigen ungemütlichen Schloss …

»Mister, Mister. Ich glaube, der Kabel sind falsch vergestöpselt.« Rigo stolperte hektisch durchs Labor und wackelte an sämtlichen Steckverbindungen.
Doktor Frankstein linste skeptisch über seine Nickelbrille.
Es lag ihm auf der Zunge, seinen Assistenten zu korrigieren. Aber was machte schon ein fehlendes »e«, wenn man bedachte, dass der Kerl erst seit zwei Monaten Deutsch lernte? Seit drei das Sprechen im Allgemeinen. Ob Mister oder Meister, er bemühte sich – das musste man anerkennen. Außerdem war der kleine Frosch hässlich wie die Nacht und damit gestraft genug.
»Vielleicht hat Haus auch Stromverlust.«
»Und was bringt dich zu dieser messerscharfen Analyse?«
»Kein Saft«, meinte Rigo und betätigte mehrfach den Lichtschalter neben der Tür. »Sehen, alles dunkel. Aber nix meine Schuld, Mister.«
Doktor Frankstein seufzte genervt. Im Gegensatz zu seinem Namensvetter mit den entscheidenden zwei Buchstaben mehr im Ausweis hielt er wenig von zugigen Schlössern, gruseligen Laboren und buckligen Speichelleckern. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er weiterhin seine Praxis für Fußheilkunde in Bietigheim-Bissingen betrieben. Doch wie das Leben so spielt …

Naja, jedenfalls bereiteten ihm die Dinge des Alltags genug Probleme; auf eine durchgebrannte Leitung konnte er beileibe verzichten.
»Rigo, geh in den Keller und kontrollier den Sicherungskasten.«
»Ja, Mister.« Der buckelige Kerl humpelte Richtung Treppe.
Das dürfte dauern.
Er warf noch einen Blick auf seinen unfähigen Assistenten, dann griff er sich das angebissene Sandwich, das einsam auf dem Schreibtisch lag. Zu achtzig Prozent glaubte er zu wissen, dass es sein eigenes war; die übrigen zwanzig Prozent Zweifel verscheuchte sein Hunger. Schmeckte trotzdem scheiße …
Was hatte ihn eigentlich in diese – optimistisch ausgedrückt – bescheidene Lage gebracht?! Edward Norman Frankstein wusste es nicht mehr. Ein Auto? Ein Zug? Drogen? Schusswaffe? Alkohol? Alles möglich, wobei exzessives Bechern in Kombination mit dem Steuern eines Fahrzeugs die wahrscheinlichste Antwort für ihn ergab.
Jedenfalls war er querschnittsgelähmt und völlig entstellt im Krankenhaus aufgewacht; an seiner Seite ein hässlicher Pfleger mit Sprachproblemen.

»Mister, ich gerepariert Sicherheit.«
Wenn man vom Teufel sprach …
»Wir wieder Strom, Mister.«
»Gut gemacht Rigo.«
Der Buckelige lächelte ergeben, fuhr die Anlage hoch und überall im Labor leuchteten bunte Knöpfe auf.
Doktor Frankstein hatte dafür keinen Blick. Seine gesamte Aufmerksamkeit gehörte dem Leichnam, der auf einem der beiden Stühle im hinteren Bereich des Raums saß und ihn verständnislos anglotzte. Außerdem zwickte sein BH. Verdammt, wie er sich freute, endlich aus diesem Körper zurück in den eines Mannes zu kommen. Die Erfahrung hatte sich definitiv gelohnt, aber zwei Wochen das falsche Geschlecht zehrte auch massiv an den Kräften.
Nun, bald hatte sein Forschungsprojekt ein Ende.
Erleichtert nahm er auf dem noch freien Stuhl Platz und setzte den Leiterhelm auf. Lebt wohl Brüste. Leb wohl Walnussblase. Willkommen neuer Wirt. Eine halbe Minute unter Strom; und er würde wieder im Stehen pinkeln können.

 

Daniela Herbst 02/10/2013 No Comments

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