Federn und Zeichen

Er tritt aus dem Schatten auf einen kleinen Hinterhof. Das ehemalige Fabrikgebäude steht seit mindestens drei Jahren leer. Wahrscheinlich wird es sich über kurz oder lang irgendein Immobilienspekulant unter den Nagel reißen und hier eine Reihe von Loftwohnungen aus dem Boden stampfen. Die Gegend ist ideal dafür. Allein der Bachlauf zu seiner Linken dürfte ein hervorragendes Verkaufsargument sein – selbst wenn das bräunliche Gewässer momentan erbärmlich stinkt.
Gezwungen lässig lehnt er sich gegen die Mauer eines der Rückgebäude. Der Putz bröckelt großflächig von den Ziegeln und er spürt den rauen Stein, der sich an seine Wirbelsäule drängt. Sein Informant verspätet sich. Er kann nicht sagen warum, aber obwohl sie diese Treffen regelmäßig abhalten, hat er heute ein komisches Gefühl im Magen. Vielleicht, weil sich normale Polizisten nicht mit abgehalfterten Junkies verabreden, um ihnen für ein paar Euro Informationen abzukaufen. Solchen Scheiß sollte man den Cops in amerikanischen Krimiserien überlassen.

 

Eine Dohle landet auf dem Flachdach ihm gegenüber und starrt ihn aus ihren pechschwarzen Augen an. Ihr Schnabel öffnet und schließt sich – bei genauem Hinsehen scheint sie einen Namen zu flüstern. Seinen Namen. Vincent. Er legt den Kopf schief und fixiert das Tier, das ihn so aufmerksam beobachtet. Die Luft hinter den glänzenden Flügeln flimmert. Sonnenstrahlen auf heißem Blech.

 

»Kommissar Maybrink.«
Aus einem der Seitengänge löst sich eine Gestalt. Ein weiter Mantel verdeckt ihre Umrisse, aber an dem schlurfenden Schritt und der leicht nach links geneigten Körperhaltung kann er erkennen, dass es sein Informant ist. Daran und an der schnarrenden, für einen Kerl seines Alters zu hohen Stimme.
Seine Füße setzen sich ungefragt in Bewegung. Auf halbem Weg zwischen den niedrigen Gebäuden bleiben sie beide stehen und mustern sich wie die Helden eines drittklassigen Western, ehe sie zum finalen Duell antreten.
»Hast du was für mich, Johnny?«
»Haben Sie denn was für mich?«
Ohne den Augenkontakt abzubrechen, greift er in seine Jackentasche und holt einen 20-Euro-Schein hervor. Das komische Gefühl im Magen verstärkt sich zu einem unangenehmen Ziehen. Irgendein Detail an der Szene stört ihn. Und als der Junkie die schmutzige Hand ausstreckt, wird ihm schlagartig bewusst was: Johnny wirkt zufrieden. Seine Gesichtsmuskeln zucken nicht wie sonst. Er schwitzt auch nicht oder beißt nervös auf seinen Lippen herum. Der Kerl hat sich bereits einen Schuss gesetzt. Mehr noch, er hat eine neue Geldquelle aufgetan. Denn er reißt den Schein nicht gierig an sich. Diesmal nimmt er ihn gemächlich zwischen Daumen und Zeigefinger, faltet ihn und steckt das blaue Papierstück seelenruhig in seine Jeans.
Die Dohle fliegt kreischend auf. Ihre Silhouette wirft einen Schatten auf sein Gesicht und von dem unwirklichen Schrei angezogen, wendet er den Kopf für einen Wimpernschlag in ihre Richtung. Vergisst kurz Johnny und das Ziehen in seinem Magen.

 

WaffeAls er sich wieder umdreht, starrt er in ein kreisrundes, schwarzes Nichts. Es beschreibt die Mündung einer Waffe. Sie ist auf seine Brust gerichtet – in einem Abstand von knapp einem Meter. So nah. Wenn die Kugel sich auf den Weg machte, gab es keinen Zweifel daran, dass sie es auch erreichen würde. Erreichen und zerstören.
»Wie viel?« Die Ruhe in seiner Stimme überrascht sogar ihn. Sie ist nicht gespielt, gehört aber einer Ebene seines Ichs an, über die er keinerlei Kontrolle besitzt. Als schiebe sich ein zweiter Vincent Maybrink schützend vor ihn, der nur darauf gewartet hatte, endlich ins Tageslicht zu rücken.
»Genug«, zischt der Junkie, packt die Pistole nun mit beiden Händen und hält den Lauf schräg.
Anfängerfehler. Bei der Haltung muss mindestens eins seiner Gelenke durch den Rückstoß brechen.
»Sag schon. Wie viel? Hundert Euro? Tausend? Was versteht ein kleiner Fixer unter genug
»Will der Herr Kommissar verhandeln?«
Er horcht auf. Hinter Johnnys Kaltschnäuzigkeit verbirgt sich eine weit dominantere Emotion: Angst. Vielleicht gibt es doch eine Chance, lebend dieses Schlachtfeld zu verlassen …
»Wer bedroht dich?«
»Wer sagt, dass mir einer droht?« Die Fassade aus Rausch und Macht beginnt zu bröckeln.
»Dann ist es also nur das verdammte Geld?« Er ignoriert das verhaltene Nicken seines Gegenübers. »Das glaube ich dir nicht.«
Schatten huschen über die schmalen Irisränder, die zwei riesige Pupillen einrahmen. Heroin und das Gewicht einer Knarre.
»Ich kann dir helfen, Johnny.«
»Ach ja? Wie denn?«
»Ich bin Polizist. Ich sorge für deine Sicherheit.«
»Logisch.« Der Tonfall ähnelt jetzt dem der Dohle. »Weil die Bullerei sich um einen kleinen Fixer wie mich schert …«
»Ich schwöre dir, ich werde das regeln.«
»Warum sollte ich ihnen vertrauen?«
»Warum solltest du jemandem trauen, der dich zu einem Polizistenmord anstiftet? Wer garantiert dir, dass er dich nach getaner Arbeit nicht ebenfalls aus dem Weg räumt? Sei nicht blöd. Du bist ein unbequemer Zeuge und die schaffen es selten, ihre Rente zu beantragen.«

 

Die Mündung sinkt einen Finger breit. Offenbar sickert zumindest ein Teil des Arguments in den vernebelten Verstand des Kerls.
»Aber …«
»Du musst mir nur die Waffe geben.« Er betrachtet den glattpolierten Lauf. Es ist eine Luger. Ein teures Spielzeug. Das hieß Johnnys Auftraggeber hing nicht übermäßig an seinem Geld oder – das hält er augenblicklich für wesentlich wahrscheinlicher – er plante, sich seinen Besitz wiederzuholen. »Sei vernünftig. Du willst mich doch nicht ernsthaft erschießen?«
Die Knie des Junkies beginnen zu zittern und sein Blick wird unstet. Das Heroin pumpt jetzt durch jede Faser des ausgezehrten Körpers. Er kann die säuerliche Note im Schweiß des Kerls beinahe riechen. Wenn er seinen Arsch retten wollte, muss er handeln.
»Johnny …« Er streckt den Arm aus, mit der Handfläche nach oben, und fixiert die zugedröhnten Augen seines Gegenübers. »Johnny, gib mir die Knarre.«
»Keine Tricks!«
Die Waffe bewegt sich ruckartig und ihre Umrisse verschwimmen – wie die Flügel der Dohle.
»Johnny, ich …« Weiter kommt er nicht.
Der Satz erstickt mitten auf seiner Zunge. Als wäre er genau in diesem Sekundenbruchteil eingefroren. Aber wieso? Er schmeckt Salz und Kupfer. Haben sie die Worte verschlungen? Seine Sicht verengt sich. Grau schiebt sich von den Rändern zum Zentrum; und auch dort werden die Farben blasser. Das Rot leuchtet ihm allerdings entgegen. Ein kleines Rund auf seinem Hemd, das sich langsam ausdehnt.
Es tut nicht weh.
Er hätte Schmerzen erwartet.
»Scheiße … Scheiße!«
Dumpf hört er die zu hohe Stimme fluchen.
Füße schliddern über Kies und hinter sich platscht etwas ins Wasser. Er riecht die bräunliche Nässe aufspritzen. Sieht sie näher rücken, als seine Beine nachgeben und er schwer auf den Boden sackt. Das Braun wird Schwarz – und die gewaltige Dohle erhebt sich mit einem markerschütternden Schrei aus dem stinkenden Bachlauf.

 

Daniela Herbst 26/03/2015 No Comments

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