Etwas Gesellschaft

Unmotiviert scrollte er sich durch die Facebook-Beiträge, likte hier ein dämliches Katzenvideo und kommentierte dort einen dieser superkreativen Sinnsprüche. Er musste ein wenig Zeit totschlagen. Dieses eine Kapitel wehrte sich nach Leibeskräften dagegen, vollendet zu werden.
»Hallo, Marlon.« Das Chat-Fenster ploppte auf und Hannas Profilbild lächelte ihm entgegen.
»Hallo«, tippte er zurück. Das war genau die Art Ablenkung, die er jetzt brauchte.
»Und? Bist du fleißig am Schreiben, Hemingway?«
»Kleine Blockade. Was treibst du so? Ist ein neues Gedicht in Arbeit?«
»Nein, bin nicht in Stimmung.«

 

Er ging in die Küche und holte sich ein Heineken. An diesem Abend brachte er ohnehin nichts Vernünftiges mehr zustande, also konnte er genauso gut entspannen.
»Schade, ich lese deine Lyrics wirklich gern. Du solltest dich mal beim Poetry Slam bewerben.«
»Ich würde mich nie trauen, das auf einer Bühne vorzutragen.«
»Meine erste Lesung war auch der Horror.«
»Ach ja, erzähl.«
»Nur wenn du mir ein Gedicht schickst, das ich noch nicht kenne.«
Sie las seine Nachricht. Ohne zu antworten.
Eine Weile starrte er auf das leere weiße Kästchen.
»Hanna?«
»Einverstanden. Aber du zuerst.«

 

Er trank einen Schluck Bier und überlegte, wie er anfangen sollte. Letztlich begann er bei dem peinlichen Moment, in dem er in die Tonne für Pixie-Bücher gekotzt hatte.
»Hast du nicht!«
»Und ob! Und erst am Ende der Lesung habe ich mich getraut, es der Frau von der Buchhandlung zu gestehen.«
»Übel.« Sie schickte eine ganze Reihe Smileys. »Wie hast du deine Angst überwunden?«
»Gar nicht. Man merkt es mir bloß nicht mehr gleich an.«
Das gefiel ihr.
Kurz bemerkte er ein warmes Kribbeln im Bauch. Es war natürlich albern – sie kannten sich ja lediglich übers Internet – trotzdem …
»Du bist dran.«
»Richtig.«
Gespannt wartete Marlon auf ihr Gedicht. Er erzählte keinen Scheiß, um ihr zu schmeicheln, er fand ihre Sachen tatsächlich verdammt gut. Emotional ohne ins Lächerliche abzudriften.
»Bereit?«
»Immer.«
»Okay, du hast es so gewollt …«
Er lehnte sich in seinen Stuhl und trommelte mit den Fingern auf der Schreibtischplatte. Wenn sie so herum eierte, musste es ein besonderes Stück sein. Eventuell ja was Versautes. Nein, das war nicht ihr Stil. Er leerte sein Heineken und ging in die Küche, um Nachschub zu besorgen. Als er zurück kam leuchtete ihm ein Fünfzeiler entgegen.

 

»Von Abschied sprechen, heißt nicht recht verstehen, dass wir am Ende alle gehen. Mit dem Leben selbst zu brechen, bedeutet frei zu sein.«
Er schluckte und las das Gedicht ein weiteres Mal. Und dann noch einmal. Irgendwo in seinem Inneren schrillte verhalten eine Alarmglocke.
»Hanna, alles in Ordnung?«
»Wieso?«
»Weil das ganz schön depressiv klingt.«
»Ja …«
»Das ist keine Antwort.«
»Nein …«
»Nein das ist keine Antwort oder nein es geht dir nicht gut?«
»Beides.«
Das Geräusch seiner inneren Alarmglocke intensivierte sich. Es produzierte eine Gänsehaut auf seinen Armen und kribbelte ihm unangenehm im Nacken.
»Hanna? Warum hast du mich angeschrieben?«
»Ich brauche ein bisschen Gesellschaft.«
»Wobei?« Er schickte eine zweite Frage hinterher. »Was machst du gerade?«
»Willst du nicht wissen.«
Er hatte ein ganz ungutes Gefühl in der Magengegend. Er stellte das Bier weg und durchforstete aus einem undefinierbaren Instinkt heraus ihre bei Facebook hinterlegten Informationen. Als Wohnort hatte sie Erde angegeben, als Schule Planet Gallifrey. Das sprach zwar für ihren Filmgeschmack, half ihm aber kein Stück weiter.
»Kann ich etwas für dich tun?«
»Ich möchte nicht slleom ain.« Es öffnete sich mit Verzögerung eine zweite Schreibblase. »Sorry, ich meinte, nicht allein sein.«
»Und was soll ich tun?«
»Schreib mir, bis ich einschlafe. Eine Geschichte, die sonst niemand kennt.«
»Einschlafen? Du machst keine Dummheiten, oder?«
Sie schickte einen lächelnden Smiley.
»Hanna?«
»Bitte … Ich bin müde.«
„Hanna …“
„Hm?“
»Hanna, versuchst du dich …«, er löschte den Text. »Das kannst du nicht …«, auch dieser Text verschwand. Er wollte so vieles sagen. Ihr so viele Fragen stellen. Das Richtige tun. Oder zumindest etwas tun. Doch statt all dieser Dinge begann er, zu tippen.
Eine Kurzgeschichte für sie allein.
Bis sie einschlief. Ohne je wieder aufzuwachen.

 

Daniela Herbst 14/01/2016 No Comments

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