Epilog eines Lebens

Eine moderne Hommage

Mit schweren Schritten stieg der Hundertjährige aus dem Fenster und verschwand in die Nacht. Es blieben noch etwas drei Stunden bis zum Morgengrauen. Nichts als das schwache Licht des Feuerkelchs in seiner Hand erleuchtete die Straße vor ihm.  Fünfzig Stufen von Grau und dazwischen tiefstes Dunkel.
Ein ganzes halbes Jahr hatte er diesen Moment herbeigesehnt. Jede Störung als Sakrileg und das Warten darauf als Hungerspiele empfunden. Allein die kleinen Gedanken daran waren ihm die Säulen der Erde gewesen. Ein lauter Schwarm in seinem Kopf, seine persönliche Therapie, ein Hauch von Hoffnung inmitten von Schnee und Asche.

Er lief an einem Waldstück vorbei. Tannen. Öd. Sie sahen aus wie gemalt; Bilder aus einer Tintenwelt. Dagegen schien das Licht, das er eisern hielt, ein goldener Kompass zu sein. Oder war das Verblendung? Schließlich wirkte nicht nur alles dunkler, sondern auch auf seltsame Weise vergrößert. Würde man heute die Welt vermessen, er wettete sie wäre gewachsen.
Vielleicht die Chemie des Todes …
Ein rot getigerter Streuner kreuzte seinen Weg.
Er blieb kurz stehen und atmete die Nachtluft ein. Sog sie tief in seine Lungen. Möglicherweise verwandelte einen das Sterben ja wieder in ein Kind. In den Jungen, der Träume schenkte.
Wen sollte das letztendlich verwundern – in einer kleinen Stadt wie dieser barg jede Ecke Myriaden an Erinnerungen.

Er blickte zum Himmel. Über ihm ein Wolkenatlas.
»Die Zeit deines Lebens ist vorbei«, flüsterte er ins Leere. »Bald wird Morpheus dich für immer zu sich holen.«
Kein Bedauern erfüllte ihn, sondern Zufriedenheit. Es konnte eben keine unendliche Geschichte geben. Keine Chronik der Unsterblichen. Und der Schamane des Schicksals hatte es die letzten Jahre gut mit ihm gemeint.
Im Krebsgang setzte er sich auf die niedrige Mauer zu seiner Linken.
Dort saß er bis zum Sonnenaufgang.
Der Tag begann und Herr Lehmann starb still und friedlich.

 

Daniela Herbst 22/05/2014 No Comments

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