Eine ziemlich dünne Story

Am Morgen eines gewöhnlichen Montags im April schlurfte eine Frau namens Gisela Friedrichs in ihr giftgrün gekacheltes Badezimmer, zog den gestreiften Pyjama aus und stellte sich auf die Waage. Nach einigem Blinzeln nahm sie zähneknirschend zur Kenntnis, dass sie mithilfe ihres Morgenkaffees die maximale Belastungsgrenze des Geräts nun endgültig überschritten hatte.

 

WaageVom ersten Schock leicht paralysiert beschloss sie, ihren überflüssigen Kilos endlich den Kampf anzusagen und sich radikal von Konfektionsgrößte sechsundfünfzig / achtundfünfzig auf achtunddreißig / vierzig zu schrumpfen.
Da sie an jeder bekannten Diät der westlichen Hemisphäre aber schon mindestens zweimal gescheitert war, musste diesmal ein besserer Schlachtplan her. Glücklicherweise war Gisela Friedrichs nicht bloß korpulent und doppelt gefüllten Schokoladenpralinen verfallen, sondern von Berufs wegen auch Inhaberin eines Diploms in Biochemie. Was es nicht alles gibt … Noch am selben Abend zog sie den Laborkittel über und machte sich an die Entwicklung einer revolutionären Diätpille Geschmacksrichtung Vollmilch-Chili.
Drei Monate später hatte sie rund achtzig Kilo und einen Großteil ihrer Zungenknospen verloren. Außerdem hing ihre Haut ganz fürchterlich. Genau genommen ähnelte sie durch die rasante Gewichtsabnahme derart unvorteilhaft eingeklappten Fledermausflügeln, dass Gisela Friedrichs die ersten Einkünfte der geplanten Patentierung für eine Ganzkörperstraffung verwenden wollte.
Dummerweise kam ihr eine steife Brise aus Norden zuvor, die sie an einem regnerischen Nachmittag eines echt miesen Mittwochs erfasste und in den Fluss trug, wo sie die einzige Abschrift der Formel in Händen jämmerlich ertrank.

 

Daniela Herbst 13/03/2014 No Comments

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