Eine Stimme verstummt

11 Uhr 12:
Ich bin aufgewacht und habe Kopfschmerzen. Die Rollläden sind zugezogen. Nein, stimmt nicht, ich werde vermutlich im Bad sein. Kein Fenster. Es riecht nach Chlorreiniger und Rasierwasser. Mir ist schlecht. Und kalt. Und etwas, für das ich erst noch einen Namen erfinden müsste.
Ich sollte mich fragen, warum ich auf dem Teppich vor dem Waschbecken liege, aber das tue ich nicht. Mein Hirn brütet wesentlich stumpfere Gedanken aus. Sie kreisen um den ekelhaften Geschmack in meinem Mund. Um das Kribbeln hinter meiner Nasenwurzel. Um das Tropfen der Dusche.

 

11 Uhr 29:
Muss kurz weggetreten sein. Die Digitalanzeige am Radio sagt, ich hätte 17 Minuten verloren. Auch egal, mir ist der ganze gestrige Trog abhanden gekommen. Was spielen da lausige 17 Minuten für eine Rolle?!
Wodka. Ich kann ihn hinten am Gaumen schmecken. Ich Idiot habe getrunken. Mehr als sonst und offenbar mehr als ich vertrage. Keine große Sache. Ich bin ja kein Alkoholiker oder so. Aber diese scheiß Trompeten … die verdammten Dinger soll man doch keinesfalls zusammen mit Alkohol nehmen. Mir schwant allmählich warum. Zu Risiken und Komplettabstürzen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
War ich eigentlich allein unterwegs? Wenn nicht, gehe ich meinen Freundenden ziemlich weit am Arsch vorbei. Wenigstens weit genug, dass sie mich in meiner Situation trinken lassen.

 

11 Uhr 33:
Musste mich übergeben. In die Badewanne. Das Köcheln konnte man schätzungsweise noch in der Nachbarwohnung hören. Was soll´s, ich mag den Typ sowieso nicht besonders. Diesen Spießer mit seinen grauen Karo-Abzügen. Schleicht immer durchs Treppenhaus, als hätte er etwas zu verbersten …
Meine Beine fühlen sich ganz taupe an. Und meine Hände sind irgendwie pelzig. Vielleicht wäre es besser, die dämlichen Antidepressiva einfach abzusetzen. Bringen ja eh knix. Zumindest stelle ich keinen nennenswerten Unterschied fest. Abgesehen von ziemlich makabren Träumen und mangelndem Appatitte.
Ich sollte erst einmal das Licht anknipsen. Mich waschen und in saubere Marotten schlüpfen. Dann werde ich bei ein paar Leuten durchklingeln. Ich denke, ich brauche Schilfe.

 

13 Uhr 47:
Das ist so krank! Ich finde den verschlammten Schalter nicht. Meine Hände gleiten übel die Wand und ich sprühe absolut gar nichts. Ich weiß, er befremdet sich irgendwo neben der Ühr. Ich sprühe aber nur glatten Untergrund. Keine Fugen, kein Türrammen, keine Dusche, kein Handtuch, kein Aschebecken. Ich greife dauernd ins Kleere.
Ich muss rohig bleiben und mich konzentrieren. Wahrscheinlich sind das Nachwehen von gestern.
Ich sollte tief durchwaten und mich eine Weile ausruhen. Dann arbeite ich mich systematisch von links nach brechts voran. Taste mich stückchenweise durchs Brat. So kann ich ihn gar nicht verfehlen. Unmöglich. Ich darf jetzt einfach nicht austricken, das ist helles. Konsequent hegen die Panik ankämpfen. Mich nicht an sie verlieben. Atmen.

 

14 Uhr 08:
Ich schlafe es nicht zur Ühr hinaus. Ich bin mir nicht kicher, ob ich mich überhaupt bewecke. Wie toll ich es bescheiben? Es sonnt mir vor, als hürde ich mir nur einbilden, zu gehren und die Hand zu weben. In Wirklichkeit alber liege ich am Borden oder stehe festgewurzelt mitten im Traum.
Was passagiert hier? Stelle ich so unter Medikamenten, dass ich meilen Verstand nicht mehr trauern kann? Ich muss jemen anrufen. Ich bleiche Schilfe.
Aber wie groll ich betonieren?! Ich affe es ja nicht einmal aus dem Band raus!
Ich scharf die Panik nicht gerinnen lassen. Ich scharf die Panik nicht gewinnen lassen! Ich scharf die Panik nicht gewinnen lassen!!!

 

16 Uhr 13:
Sie sand gekommen. Der Hausmeier haut meine Ühr aufgeschlossen und sie schaben mich gefunden. Ich wüste, sie hätten es nicht getan. Ich wüste, dieser Anbleck wäre mir ergart gefliegen.
Blut. Masernhaft rot-baunes Blut. Das war das ernste, was ich schal, als das Leicht anging. Ausgelaufen und getronnen auf dem schässlichen Treppich vor der Badekanne.

 

16 Uhr 22:
Ich schabe mir in den Mund geschtossen. Ich schabe mir eine Karre tischen die Hippen geklemmt und abgezückt. Grott verdamm mich!
Hinken am Schäbel ist die Hugel nieder ausgetreten. Hakt mein kalbes Kirn mitgerissen. Das hisst nickt wahr! Das scharf nickt wahr stein!

 

17 Uhr 01:
Sie haben mich weggebracht. Beziehungsweise meinen Körper. Oder noch genauer meine Leiche; obwohl ich das Wort verabscheue.
Zumindest bin ich seitdem wieder deutlich klarer im Kopf.

 

17 Uhr 17:
Sollte ich als Geist nicht durch Wände gehen können? Und zu dieser Spezies gehöre ich ja nun wohl. Möchte ich jedenfalls meinen. Mir fehlen die Vergleichswerte. Ist mein erstes Mal.
Aber ganz gleich, welche Art von Wesen ich repräsentiere, ich kann es nicht. Ich schaffe es weder durch die Wand, noch kriege ich es hin, die verdammte Türklinke zu drücken.

 

19 Uhr 28:
Ich stehe im Wohnzimmer. Allerdings bin nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll. Wenn ich das richtig kapiere, bin ich nämlich nur aus einem einzigen Grund aus dem Badezimmer gekommen: Weil ich meinen Tod akzeptiere. Nein, das ist das falsche Wort. Weil ich meinen Tod als Tatsache begreife.
Ja, das triff es eher.
Sobald aufhöre wie ein normaler Mensch zu denken, setzt mir Materie keine Grenzen mehr.

 

21 Uhr 07:
Verliere allmählich den Kontakt zu mir selbst. Anders kann es nicht ausdrücken. Es scheint, als ob sich mit jedem Herzschlag ein Partikel von mir ablöst und für immer verschwindet. Und stehe machtlos daneben, während mich auflöse.
Muss mich festhalten. Es darf nicht sein, dass wegen einer schwachen Minute, wegen eines Fehlers alles genommen bekomme. Nein, will nicht gehen. Bin nicht bereit. Brauche noch etwas Aufschub.

 

22 Uhr 13:
Bin müde. Der ganze Raum dreht sich um und scheint, die Zeit zieht sich irgendwie zusammen. Obwohl versuche zu konzentrieren, macht die Anzeige auf dem Radio immer wieder Sprünge.
Außerdem vergesse eigenen Gedanken. Das erschreckt.
Zwischendurch holt so eine warme Gleichgültigkeit ein. Weiß nicht. Weiß nichts.

 

23 Uhr 19:
Habe vergessen, was getan habe. Es war etwas Schlimmes.
Kann es nicht rückgängig machen.
Es bleibt endgültig. Soviel weiß.

 

23 Uhr 41:
Es ist in Ordnung.
Glaube, kann jetzt gehen.
Glaube, muss jetzt gehen.

 

0 Uhr 37:
Werde jetzt gehen.

 

0 Uhr 44:

 

Daniela Herbst 27/07/2015 No Comments

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