Eine simple Frage

Vorsichtig setzte Christopher den Gehstock auf das schmierige Kopfsteinpflaster und schob die morschen Knochen vorwärts. Ein taubes Gefühl pulsierte um seine Hüfte. Jeder Schritt war ihm eine Qual und er wünschte sich nicht zum ersten Mal, auf der Stelle tot umzufallen.
Natürlich würde das nicht passieren …
Er lächelte freudlos und ließ den Blick über den kleinen Markt Stockschweifen. Nicht alles entsprach seinen Erinnerungen. Der Stand mit dem frischen Obst wirkte blasser als früher. Das Stimmengewirr hatte einen hektischen Unterton angenommen, die Händler schienen jünger und es wuselten zu viele Menschen durch die schmalen Wege zwischen den Aufbauten.
Weniger anheimelnd. Mehr geschäftstüchtig. Definitiv anders. Allerdings vermochte er nicht zu sagen, ob die Veränderung eher den Ort oder ihn selbst betraf. Vielleicht lag es schlicht daran, dass sein letzter Besuch mittlerweile Jahre her und er alt geworden war. Der Schleier der Zeit und grauer Star überpinselten später bekanntermaßen so manches Bild im Kopf.


Ja, das schien ihm plausibel. Der Geruch nämlich hatte sich nicht im Geringsten verändert. Nach wie vor hing diese spezielle Mischung aus Honig, scharfen Gewürzen, Gras, Heu und Zitrone über allem, der exotisch und zugleich nach Heimat roch.
»Lars van Marl«, rief er. »Ich suche Lars van Marl.«
Die Menschen sahen ihn verständnislos an und gingen ihrer Wege.
»Lars van Marl«, wiederholte Christopher. Seine Stimme verebbte von einem kräftigen Bass zu einem gehauchten Krächzen. »Sagen Sie ihm, dass ich da bin.«
Die Aufforderung galt niemand Bestimmtem; und vermutlich dachten die meisten Leute, er sei verrückt oder senil. Er hätte wohl dasselbe vermutet, wenn urplötzlich ein alter Mann auf den Marktplatz marschiert und in vermeintlich sinnloses Rufen verfallen wäre.
»Ich warte hier auf ihn.« Schwerfällig stützte er sich auf den Stock. Seine Lungen japsten nach Sauerstoff und seine Knie zitterten erbärmlich.
Eigentlich brauchte er dringend eine Sitzgelegenheit, doch die einzige Option – eine niedrige Mauer – lag rund fünf Meter von ihm entfernt. Eine lächerliche Distanz für die Jugend, eine Weltreise für ihn. Denn die spärlichen Reste Muskeln in Armen und Beinen reichten normalerweise gerade, um eine Tasse an den Mund und seinen ausgemergelten Körper drei Schritte in jede Himmelsrichtung zu führen. Der heutige Ausflug überschritt klar die Grenzen des Machbaren; was er deutlich zu spüren bekam.

 

»Lars van Marl«, hauchte er und krümmte sich in einem Asthmaanfall.
Mit geschlossenen Augen krallte er die von Gicht befallenen Hände um den Knauf seines Gehstocks und presste schmerzverzerrt die Lippen aufeinander. Warme Feuchtigkeit tränkte den Stoff seiner Hose. Er seufzte und rümpfte die Nase angesichts des säuerlichen Gestanks, der langsam zu ihm aufstieg. Diesmal war es also die Blase, die ihm den Dienst quittierte. Zum Glück würde ihn die fortschreitende Demenz diese Peinlichkeit bald vergessen lassen.
»Verfluchter Mistkerl, wo steckst du?« Christopher schwankte beim letzten Wort. Länger konnte er sich definitiv nicht auf den Beinen halten.
Fahrig versuchte er, auf den Steinboden zu gleiten, aber sein schwaches runzliges Fleisch gab gnadenlos nach. Er knickte ein und krachte auf die Seite. Mindestens zwei seiner Knochen brachen. Außerdem riss durch den abrupten Sturz an mehreren Stellen die ledrige Haut.
Blut allerdings troff nicht aus den Wunden. Es war schon vor einer Ewigkeit vertrocknet; ebenso wie sein Schweiß und sein Speichel. Lediglich eine Art purpurner Puder rieselte über seine Finger.
Der Sand der Zeit … er schluckte zahnlos gegen die Übelkeit an. Der Sand von hundertachtzig Jahren … 

 

»Christopher«, hörte er eine vertraute Stimme. »Hier bin ich.«
Kräftige Arme halfen ihm, aufzustehen, und erleichtert blinzelte er in Lars van Marls Gesicht. Er hatte ihn gefunden. Endlich. Gute zwei Menschenleben waren verstrichen, doch es schien ihm, als seien sie sich erst gestern begegnet.
»Was haben Sie mir angetan?« Seine Greisenhände reckten sich dem Mann anklagend entgegen. Aus ihnen sprach die Folter eines Zerfallenen, der nicht starb. Eines Sterbenden, dem die entscheidende Tür versperrt blieb.
»Nichts. Ich habe dir nur eine simple Frage gestellt.« Lars van Marl ließ ihn los und trat einen Schritt zurück.
»Lügner! Verflucht haben Sie mich!«
»Aber nein. Du solltest bloß die Argumente kennen.«
»Ich verstehe nicht.«
»Nun, ich warte auf eine Antwort, Christopher.«
»Auf welche Frage denn?«
»Ein wenig vergesslich?« Van Marl lächelte nachsichtig, als erklärte er einem Grundschüler das Einmaleins. »Wenn du die Wahl hättest, würdest du ewig leben wollen?«
»Was? Nein!«, keuchte er, ohne nachzudenken. »Niemals!«
»Sicher?«
»Ja!«
»In Ordnung.« Sein Gegenüber zwinkerte und schickte sich an, zu gehen.
»Halt. Was wird jetzt aus mir? Ich kann so nicht leben. Heben Sie den Fluch auf. Ich will …« verwirrt blickte Christopher auf seine eben noch alten Hände, die wieder die Glätte der Jugend aufwiesen, und vergaß den Rest des Satzes. »Wie haben Sie das gemacht?«
Lars van Marls Mund umspielte ein süffisantes Grinsen. Sein vielsagender Blick verriet alles und doch nichts. Dann wandte er Christopher den Rücken zu und verschwand in der Menschenmenge, aus der er vor kurzem – oder einst – unversehens aufgetaucht war.
Zurück blieb ein zitternder junger Mann, der nicht wusste, ob die vergangenen Jahre bloß eine Halluzination oder tatsächlich Realität gewesen waren. Ob der Fremde ihm die Bilder des Alters suggeriert oder für ihn die Zeit zurückgedreht hatte.
Die Botschaft verstand er dafür umso besser.

 

Daniela Herbst 24/06/2013 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.