Eine Nacht zu wenig

Erneut griff Lydia zur Stecknadel und stach sie in ihren Daumen.
»Verdammt.«
Das Blut versiegte heute viel zu schnell. Kaum hatte sie begonnen, eines der verschnörkelten Symbole zu malen, verschloss ihre Haut das fleischliche Tintenfass auch schon wieder. Es war frustrierend.
Zum Glück fehlte nur noch ein einziges.
Sie drückte einen letzten Tropfen auf die mit Beschwörungsformeln übersäte Seite und atmete erleichtert aus. Fertig. Das dürfte reichen.
Zum Abschluss das Fläschchen Erde … Vorsichtig fischte sie das kleine Ding aus ihrem Rucksack, drehte es im Licht der Tischlampe und schüttete seinen Inhalt schließlich über dem Papier aus.
Sofort erfüllte ein leicht modriger Geruch das Zimmer. Lydia sog ihn kräftig in ihre Lungen und musste die Tränen zurückhalten, die in ihren Augen brannten. Nein. Für Schwäche war jetzt keine Zeit.


»Oh bitte, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich hier eine Formel zur Beschwörung der Toten reinschreibe?! Für solche Aufgaben sowie akute Fälle von Besessenheit wende dich an einen Schwarzmagier oder den Apotheker deines Vertrauens.«
Das Zimmer wackelte. Bücher fielen von den Regalen.
Das Schriftstück schien von innen heraus zu leuchten. Um die Symbole herum bildeten sich feine Linien wie ein brennendes Spinnennetz und roter Rauch stieg in kleinen Kringeln zur Decke auf. An den Kreuzungen der Feueradern rieselte die vom Friedhof mitgebrachte Erde in den Leerraum unter der Schreibtischplatte; landete jedoch nie auf dem Fußboden.
Dann zerbrach scheppernd das gesamte Möbel. Die Glühbirne zerbarst und ein riesiger Riss zog sich durch die Wand des Raumes.
Es hatte funktioniert.
Zumindest hoffte Lydia das inständig. Den endgültigen Beweis würde natürlich nur er ihr liefern können.

 

Er … Sie musste zu ihm. Sofort.
Schnell stopfte sie einen zusätzlichen Pulli in ihren Rucksack, schwang ihn sich auf die Schulter und stürmte aus dem Haus. Der Abend war schon fast in Nacht übergegangen und es hatte angefangen, zu nieseln.
Als sie in ihren Wagen stieg, ließ sie erst einmal die Scheibenwischer laufen.
Das gleichmäßige Wusch-Wusch-Wusch beruhigte sie ein wenig. Das hieß, wenn sie momentan überhaupt etwas beruhigen konnte. Immerhin wäre es möglich, dass Kevin gerade in dieser Sekunde erwachte. Allein. Verängstigt. In einem Sarg. Zwei Meter unter der Erde. Von den Toten auferweckt durch sie.
Ihr Fuß drückte entschlossen das Gaspedal.
Der Golf glitt aus der Einfahrt und von dort auf die Hauptstraße. Zum Glück herrschte kaum Verkehr. Nachts sah sie nicht besonders gut.
Wieder drifteten ihre Gedanken zu Kevin, der Liebe ihres Lebens. Doch diesmal scheiterte sie kläglich daran, das Bild aufrechtzuerhalten. Es wurde von einem dröhnenden Geräusch gestört. Verwirrt blickte Lydia nach links. Die Scheinwerfer eines Kombis blitzten kurz auf ihrer Netzhaut auf. Dann war da nichts mehr. 

 

Daniela Herbst 31/10/2014 No Comments

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