Ein Tag zu viel

Traurig saß er im Gras und kaute auf einem Halm. Die Sonne war vor knapp zwei Minuten aufgegangen. Ihr fahles Licht tönte die Wiese. Er fröstelte und in seinem Magen herrschte eine Leere, die sich schätzungsweise nur durch ein zügelloses Gelage würde stopfen lassen. Aber wenn Kevin ehrlich war, so hatte er nicht einmal Appetit. Einsamkeit drückte ihm aufs Gemüt. Verlorenheit wog schwer auf seiner Seele. Und unter allem keimte eine schwelende Wut – obwohl er nicht wusste, auf wen er sie richten sollte.
Er müsste an einem anderen Ort sein.
Er gehörte nicht hierher.
Seine Anwesenheit schien die Welt selbst zu stören.
Allerdings hatte er nicht um diesen Tag gebeten, oder? Er war er bereit gewesen, endgültig zu gehen.

Was sollte er jetzt machen? Er konnte nicht ewig auf diesem Stein hocken und an einem Grashalm lutschen. Aber sich bewegen hieß, ein Ziel zu haben … Er seufzte. Vielleicht ja nicht unbedingt ein Ziel … Er stützte zu beiden Seiten die Arme auf und wuchtete seinen Körper mühsam in die Senkrechte. Eventuell reichte vorerst auch eine Richtung.
Nach Hause.
Nach Hause? Kevin zögerte. Nicht aus Verwirrung. Er wusste durchaus, wo er war und wohin er sich wenden musste. Der Teil seines Gehirns, der Sätze wie »Du bist auf dem Friedhof« oder »Du brauchst bloß den Straßenbahnschienen zu folgen« flüsterte, funktionierte einwandfrei. Ihn beschäftigte vielmehr die Frage, ob ein Toter überhaupt noch ein Zuhause besaß. 
Mit welchem Recht sollte er dort auftauchen?
Und welche Reaktionen würde er auslösen?
Wäre er willkommen?

Zwiegespalten starrte er auf das nunmehr leere Grab, aus dem er sich eben an die Oberfläche gekämpft hatte. Erde lag zu einem losen Berg angehäuft am Rand. Einzelne Blumen lugten daraus hervor. Er roch den Moder, die Feuchtigkeit – und seinen eigenen süßlichen Gestank, der an verdorbenes Fleisch erinnerte.
Kevin schluckte.
Wieso war er hier? Ein Irrtum?
Nein, solche Fehler passierten nicht.
Aber wenn es Absicht war; wer steckte dahinter? Und warum besaß dieser jemand nicht den Anstand, ihm die Sache zu erklären? Ihn zu empfangen?
Kurz loderte in ihm der Wunsch auf, nach unten in das Loch zurückzukehren. Sich zu verstecken und seine missliche Lage schlicht zu ignorieren. Er zuckte innerlich zusammen. Missliche Lage  … bisschen untertrieben. Er war gestorben, beerdigt worden, in einem verdammten Sarg aufgewacht, durchs Erdreich gekrochen wie ein Wurm; und das, um am Ende allein auf dem Friedhof zu stehen.
Eine Träne lief ihm über die taube Wange.
Der Tag begann und er stand einfach da; mit dem vagen Gefühl etwas Grundlegendes verloren zu haben.

 

Daniela Herbst 28/10/2014 No Comments

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