Ein Leben ist nicht genug

»Welches Motiv wohl jemand haben könnte, einen Geschichtsstudenten umzubringen?«, murmelte Kommissar Gerald Wagner und fuhr mit dem Zeigefinger eine Reihe Bücher im Regal nach.
»Ich war vor fünf Jahren mal mit einem zusammen. Mir würden da gleich ein paar Gründe einfallen.« Fenya Meeder umrundete die Leiche. »Etwas Interessantes gefunden?«
»Nein, lauter Motivationskram. Entdecke deine innere Stärke, Du bist der Schmied deines Lebens und so ein Mist.«
Die junge Kripo-Beamtin rümpfte die Nase.
Dann sah sie wieder auf den Toten hinunter. Der Körper lag auf dem Rücken und in der Brust klaffte ein kreisrundes Schussloch. Sonst keinerlei sichtbare Verletzungen. Eine Beziehungstat konnte man damit vermutlich ausschließen; die hinterließen in der Regel immer ihre Spuren. Überhaupt trug der gesamte Tatort die Handschrift eines Profis – oder zumindest eines Menschen, der nicht zum ersten Mal Gewalt sprechen ließ.

»Beim weiblichen Geschlecht hat das Zeug aber wohl ganz gut funktioniert.« Ihr Kollege deutete grinsend auf einige Fotografien, die breitflächig die Wand zur Küche zierten. »Scheint recht beliebt gewesen zu sein, unser Freund.«
»Sieht aus wie eine Trophäen-Sammlung.« Fenya trat näher und betrachtete die Frauen auf den Bildern. Eine schlanke Rothaarige. Eine Blondine mit Pferdeschwanz. Eine Brünette, die sie auf Mitte bis Ende dreißig schätzte. Eine Brünette Anfang zwanzig. Eine Schwarzhaarige mit asiatischem Einschlag. Eine Punkerin samt Nasenpiercing und abrasierter Seitenpartie in Lilablassblau.

 

»Schräg, oder?« Kopfschüttelnd widmete sich Gerald Wagner wieder dem Regal.
»Kannst du laut sagen«, erwiderte sie.
Ihre Augen klebten noch eine Weile an der seltsamen Wand, ehe sie ihre Aufmerksamkeit auf einen Stapel ungeöffneter Post auf dem Schreibtisch lenkte. Diverse Zeitschriften und Magazine lagen quer verstreut auf der Platte. Dazwischen klemmten Briefumschläge in unterschiedlichen Größen. Einige kamen von der Uni; andere von Banken und Versicherungen. Außerdem entdeckte sie zerknüllte Werbeflyer und mehrere Speisekarten von Lieferdiensten. Moment mal … Sie runzelte die Stirn.
»Hey, Fenya?«, unterbrach Gerald Wagner ihren Gedanken. »Wie alt schätzt du unseren toten Studenten?«
»Keine Ahnung. Vierundzwanzig? Sechsundzwanzig?«, antwortete sie abwesend und blätterte in den Papieren. »Warum?«
»Weil er laut diesem Personalausweis vierundfünfzig ist.« Er hielt ein kleines Plastikkärtchen hoch. »Außerdem müsste er braune statt blaue Augen haben und ungefähr zehn Zentimeter größer sein. Der Name stimmt mit dem an der Tür überein: Kilian Hartmann.« Er hielt zwei weitere Ausweise in die Höhe. »Und nach den beiden zu urteilen ist er entweder zwanzig und Belgier oder achtunddreißig und in Wahrheit eine Frau.«
»Hm …«
»Du klingst nicht sonderlich überrascht«, stellte ihr Kollege mit einem leicht enttäuscht klingenden Ton in der Stimme fest.
»Naja, ich halte gerade Post für einen Martin Layen, Michael Möritz und Torben Brest in der Hand.«
»Ist ja makaber.«
»Du ahnst nicht wie makaber …« Sie lachte trocken. »Hier liegen ein Bafög-Antrag für einen David Garvin und ein Bescheid über die Bewilligung der Regelaltersrente für einen Harald Klavsen.« Ihre Lippen verzogen sich zu einer dünnen Linie.

 

»Was hat der Kerl bloß getrieben?« Er drehte sich zu ihr und lehnte den Rücken gegen das Regal. »Denkst du, es ging um Geld?«
Fenya Meeder blickte ihn ernst an. Nach gut drei Jahren Partnerschaft im Dienst wusste sie, dass ihr um einiges ältere Kollege nicht einfach pro forma fragte. Er schätzte und respektierte ihre Meinung. Keine Selbstverständlichkeit in diesem Beruf, wie sie aus schmerzlicher Erfahrung sagen konnte.
»Und?«, hakte er nach.
»Nicht nur. Ich glaube, es hat außerdem mit diesen Büchern zu tun. Für mich sieht es so aus, als hätte er wahllos Identitäten gestohlen und sich damit verschiedene Existenzen aufgebaut.«
Ein anerkennendes Lächeln umspielte Gerald Wagner Mund.
»Und eine davon hat ihn vermutlich das Leben gekostet«, ergänzte sie.
Von der Tür her näherten sich Schritte.
Die Spurensicherung war im Anmarsch. Wurde auch langsam Zeit, dass die auftauchten. Der Mord war schon vor über zwei Stunden gemeldet worden.
»Es dürfte schwer werden, herauszufinden, auf wen es der Täter letztendlich abgesehen hatte.« Wagner schüttelte dem Pathologen, der sich an ihm vorbeidrängte, abwesend die Hand. »Wer weiß, wie viele Identitäten der Junge gestohlen hat.«
»Mindestens eine pro Freundin an der Wand, schätze ich …«, witzelte sie und stockte plötzlich. »Warte mal …«
»Stimmt was nicht?«
Schweigend ging sie zu dem Bild mit dem Pferdeschwanz-Mädchen und nahm es vom Haken. Es hatte einen Sprung in der rechten unteren Ecke. War nicht so makellos wie die übrigen Trophäen. Fenya drehte es um und nickte zufrieden. Auf der Rückseite klebten ein schlampig zusammengefalteter Zettel und ein weiterer Personalausweis.
»STIRB BREST. MICH BESCHEISST MAN NICHT! HAST GEDACHT ICH FINDE DICH NICHT; NUR WEIL DU JETZT ANDERS AUSSCHAUST UND DICH ALS STUDENT AUSGIBST, WAS?! LASS DIE KOHLE RÜBERWACHSEN ODER DEINE KLEINE BLONDE FREUNDIN KANN DICH DEMNÄCHST MIT DER SCHNABELTASSE FÜTTERN!«, las sie laut vor und reichte das Blatt an Gerald Wagner.
»Ich würde sagen, damit hätten wir einen ersten Hinweis …«

 

Daniela Herbst 11/08/2015 No Comments

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