Ein ganz und gar gewöhnlicher Tag

Aufmerksam beobachtete Wegda, wie sich die Bauarbeiter auf einer Palette Ziegel niederließen und ihre Essenspakete auswickelten. Sie waren früher dran als sonst. Vielleicht weil die Sonne heute besonders stark schien. Nun, ihm sollte es recht sein. Satte Menschen bedeuteten zufriedene Menschen; und zufriedene Menschen taten ihm selten weh.
Er reckte den Kopf in die Luft. Der schwache Geruch von Schinken wehte ihm um die Nase. Dazwischen nahm er den Duft von Käse, Brot und irgendeiner scharfen Soße wahr. Ihm lief das Wasser im Maul zusammen. Wenn er Glück hatte, würde er am Abend ein paar Reste finden. So lange musste er sich allerdings gedulden; trotz des lauten Knurrens, das aus seinem Magen aufstieg und ihn an seinen brennenden Hunger erinnerte.
Ohne die Bauarbeiter aus den Augen zu lassen, rückte Wegda ein Stück weiter in den Schatten. Hitze staute sich unter seinem Fell und er konnte gar nicht schnell genug hecheln. Außerdem tanzten die geschätzten hundert Flöhe, die ihn seit Monaten als billiges Transportmittel missbrauchten, Rumba auf seinem Rücken.
Normale Unannehmlichkeiten eines obdachlosen Labradors …


Ihm fielen die Augen zu. Seine trockene Schnauze ruhte auf den Pfoten und er träumte von früher. Von einer Zeit, als er noch keinen Namen, dafür aber ein Dach über dem Kopf gehabt hatte. Die Erinnerungen waren verschwommen.
Nun, eine Handvoll Welpe konnte kaum das Bein hoch genug halten, um gegen einen Baum zu pinkeln; geschweige denn sich komplizierte Abläufe merken.
Sie hatten ihn im Regen ausgesetzt. Aus dem warmen Wagen geworfen und in der Nässe zurückgelassen. In der Kälte und Einsamkeit einer fremden Straße. Bilder, Gerüche und Geräusche wallten in ihm auf. Die erste Nacht in einem Pappkarton. Der Gestank von Katzen und Ratten. Das Unwetter, das auf seine provisorische Hütte prasselte.
Im Schlaf zuckten seine Läufe.
Am Morgen war er auf die Suche nach Futter gegangen. Verängstigt und ohne wirklichen Plan, wie er sein zukünftiges Leben gestalten sollte. Wegda winselte dumpf. Damals hatte er geglaubt, nur diesen einen Tag überstehen zu müssen. Dass alles ein großes Missverständnis war und die Menschen ihn bald wieder nachhause holen würden.
Wenn er aufhörte, sich selbst zu belügen, dann kamen ihm diese Gedanken auch heute noch von Zeit zu Zeit.

 

Er schreckte hoch.
Die Bauarbeiter waren verschwunden – vermutlich irgendwo im Inneren des Gebäudes. Aber das spielte keine Rolle; falls sie etwas Essbares liegen gelassen hatten, würde er es später schon finden.
Leider roch er nicht mehr das geringste Anzeichen von Schinken, Käse, Soße oder wenigstens Brot. 
Sein Kopf glitt zur Seite. Neben ihm tollten zwei kleine Katzen im trockenen Gras. Kätzchen? Wirklich? Nein, seine neuen Mitbewohner sahen eher aus wie Frettchen. Eichhörnchen? Wegda blinzelte, aber die beiden blieben trotzdem nichts weiter als verschwommene hüpfende Gestalten. Wackelige Schemen, die sich zunehmend aktiver und nerviger verhielten …
Ja, der Radau störte ihn empfindlich in seiner Ruhe.
Natürlich hätte er die Verursacher leicht verscheuchen können, doch hier draußen musste man zusammenhalten. Also beschloss er, sich einfach nach weiter hinten zu trollen und den Zweien diesen Platz zu überlassen.
Kinder … Mit milder Nachsicht machte sich Wegda daran, aufzustehen. Allein es wollte ihm nicht gelingen. Auf halber Strecke knickten ihm die schwachen Pfoten weg und er sackte zusammen. Erschrocken winselte er auf.
Sein ausgemergelter Körper hatte offenbar als Erster aufgegeben.
Der Verräter trug heute sicher nicht mehr auf die Baustelle; und auch sonst nirgendwo hin. Er seufzte. Irgendwie überraschte ihn diese Wendung. Er war immer der Meinung gewesen, dass ihn irgendwann ein verzweifelter Schritt auf die Straße und aus dieser Welt katapultieren würde.
Aber in Ordnung, dann sollte es eben so sein.
Wegda schloss die Augen und ergab sich seinen Träumen.

 

Daniela Herbst 16/10/2013 2 Comments

2 thoughts on “Ein ganz und gar gewöhnlicher Tag”

  1. Ab davon, daß der Leser – sofern er kann und möchte – sich wie der Hund fühlt, sollte jedem Schenkenden und Beschenken die Verantwortung für ein Lebewesen bewußt sein.

    1. Bin ich absolut der gleichen Meinung. Schließlich geht es um ein Lebewesen mit Bedürfnissen und nicht um einen Gegenstand.

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