Ein Film ein Leben

Irgendwo zwischen roten Sitzen und verlorenem Popcorn …

»Man sagt, das Kino sei der Eintritt in eine Welt neben der unseren. Daran mag etwas Wahres sein. Dabei unterscheiden sich beide eigentlich in sehr wenig und trotzdem in grundsätzlich allem. Kann dich dort ein Drachenherz mit seinem Schlag beflügeln, sind wir auf dieser Seite doch meist an die Gesetze der Realität gebunden. Wir kennen keine Ringe der Macht oder eiserne Männer. Hiesige Wirbelstürme bringen niemanden nach Oz. Wir haben nur fünf statt sechs Sinne. Hier sterben wir langsam und frühstücken eher selten bei Tiffany.

 

Aber die Helden der Leinwand können unsere Avatare sein. Sie sprengen die Ketten der Vernunft und lassen uns hinter den Horizont blicken. Auf Städte der Sünde und Städte der Engel. Auf purpurne Flüsse, die aus ihrer Mitte entspringen, und Geisterschlösser, die tote Dichter beherbergen.
Das Kino birgt Drama und Leichtigkeit. Komödie und Schrecken. Es spielt mit dem Dogma, der Verblendung, dem Tribut, dem Schmetterlingseffekt im Chaos und bringt die Erde zum Stillstand. Doch sobald der Abspann läuft, kehren wir zurück an den Anfang.«

 

»Schön gesprochen«, erklang es aus der Weite des Saals. »Aber solche Worte in den Farben der Magie und Fantasie können bloß von einem Touristen kommen. Naive Gedanken von einem blinden Sternwanderer. Von einem Anhalter am Rande der Galaxis. Von einem Menschen.«
»Wer bist du?«
»Niemand.«
»Was bist du?«
»Ein Traum, der fliegen lernte. Eine erfundene Person. Eine Filmfigur, die sich ihrer Existenz bewusst ist und die um die Zweischneidigkeit deiner königlichen Rede weiß.«
»Wie meinst du das?«
»Hast du schon einmal überlegt, was nach dem Tag nach morgen mit uns geschieht? Wenn ihr längst nicht mehr hier seid, sondern selig in euren Betten schlummert? Wenn euch die Zeitmaschine genannt Leben weitergetragen hat?«
Stille breitete sich zwischen den roten Sesseln aus. Das Knistern der Filmrolle füllte beinahe übermächtig den Saal. Laut und störend – nicht wie Schnee, der auf Zedern fällt. Darunter lag der Geruch von Zucker.
»Ich will es dir verraten: Am Ende aller Tage sterben wird. Wir verblassen mit jeder Sekunde, die wir allein in der Dunkelheit harren. Unsere Masken schmelzen, unsere Kräfte schwinden. Wir verkommen zur Erinnerung. Zu einer Insel in eurem Kopf, die wir selbst nie erreichen. Zum Nichts in eurer unendlichen Geschichte.«
Tiefes Schweigen und das Rascheln von Popcorn.

 

Daniela Herbst 06/11/2014 No Comments

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