Durch alle Zeiten

Mit einer fahrigen Bewegung wischte sich Abdi übers Gesicht. Schweißtropfen waren ihm von der Stirn ins Auge gelaufen und hatten ihn geweckt. Nein, genau genommen hatte er erst gar nicht richtig geschlafen. Die ruppigen Schaukelbewegungen, die sich vom Boot auf seinen Körper übertrugen, ließen ihn nur gelegentlich wegdämmern. Dazu die Hitze und der Gestank, die wie eine dicke Wolke durch den Laderaum waberten – er fühlte sich elend.
Abdis Blick glitt zu seiner Mutter. Sie lehnte an Onkel Farrahs Schulter, während die beiden Cousins zusammengerollt neben seiner Tante schliefen. Sie waren fünf und sieben; er selbst schon fast zwölf. Beinahe ein Mann. Mit diesen Worten hatte ihn sein Vater zumindest ermutigt, an Bord des alten Kahns zu steigen. Dass sie einen Abschied auf unbestimmte Zeit bedeuteten, sollte ihm erst später bewusst werden.

 

Ein Schlag traf die rechte Seite des Bootes und ließ den Boden unter ihm schwanken. Kurz darauf streifte das süßliche Aroma vergorenen Obstes Abdis Nase. Vermutlich hatte sich jemand übergeben. Leute murmelten Gebete und irgendwo schrie ein Baby. Von wo Geräusche und Gerüche genau kamen, war unmöglich festzustellen.
Bei derart vielen Menschen auf engstem Raum sah man ohnehin bald keine einzelnen Gesichter mehr. Sie verkamen zu einer anonymen Masse, die einen bedrängte und verschluckte. Zu einem beklemmenden Gefühl, dem man einfach nicht entkam. Egal, in welche Richtung man den Kopf wandte, überall umzingelten einen Arme und Beine und Augen. Manchmal glaubte er, ersticken oder laut schreien zu müssen. Und dabei begriff er noch nicht einmal, weshalb sie überhaupt hier im Halbdunkel saßen.
»Wir tun das, damit du in Freiheit aufwachsen kannst«, hatte seine Mutter gesagt.
Obwohl er sie für eine kluge Frau hielt, geriet er allmählich in Zweifel. Taten sie wirklich das Richtige? Vielleicht wären die Soldaten ja irgendwann von alleine wieder verschwunden. Vielleicht hätten sie in ihr Dorf zurückkehren können. In ihr altes Leben. In die Schule … Wie einen Schatz umklammerte er das zerfledderte Geschichtsbuch, das er seit dem Tag ihrer Flucht im Hosenbund aufbewahrte. Was genau hieß eigentlich »Freiheit«?

 

»Freiheit bedeutet, einen Namen zu haben.«
Erschrocken, dass jemand auf seine Gedanken antwortete, blinzelte Abdi gegen das Brennen in den Augen an. Schweiß und Müdigkeit trübten ihm die Sicht, doch vor ihm schälte sich die Gestalt eines muskulösen Mannes aus den milchigen Schleiern. Er trug lederne Gurte um die Brust, Rüstungsteile und einen goldfarbenen Helm im antiken Stil. In den Händen hielt er Dreizack und Netz. Ganz das Abbild eines römischen Gladiators.
»Sie bedeutet, ein Mensch und keine Nummer zu sein.«
Abdis Pupillen zuckten zur Seite. Neben dem Kolosseums-Kämpfer kniete eine ausgemergelte Frau mit kurzgeschorenen Haaren. Ihre Wangen waren eingefallen und ihre Lippen ausgetrocknet. Gestreifte Sträflingskleidung hing sackartig an ihrem Körper. Langsam streckte sie ihm den linken Unterarm hin und zog den Ärmel des Hemdes hoch. Auf der blassen, grauen Haut erkannte man eine sechsstellige Ziffernfolge, die in das wenige noch vorhandene Fleisch eintätowiert worden war.
»Freiheit heißt, sich selbst zu gehören.«
Die Worte stammten von einem jungen Schwarzen, den er auf vierzehn, höchstens sechszehn schätzte. Hand- und Fußgelenke steckten in Eisenketten. Die Kleidung bestand aus grobem, zerrissenem Stoff und über eine seiner Schultern verlief ein wulstiger Striemen, der zweifelsohne von einer Peitsche herrührte.
Abdi wurde schwindelig und er musste einen Moment die Augen schließen. Als er sie wieder öffnete, waren die Gestalten verschwunden. Dafür erkannte er dicht vor sich seinen Onkel, der ihm eine kleine Wasserflasche an den Mund hielt. Sie beinhaltete kaum drei Fingerbreit trübes Wasser, die er mit der Gier eines Verdurstenden schluckte.

 

Während er noch darum bemüht war, Fiebertraum und Realität auseinander zu sortieren, traf das Boot ein harter Schlag und ließ es mit einem Ruck kippen. Schreie dröhnten durch den Laderaum. Ein Knie stieß ihm schmerzhaft in die Hüfte. Jemand versuchte sich an ihm festzuhalten, rutsche aber einen guten Meter weiter in eine Gruppe Männer. Abdi selbst schleuderte mit der Schläfe gegen die Schulter seines Onkels. Mutter und Tante beteten und er hörte die Cousins gedämpft weinen. Angst und Wut wallten zu gleichen Teilen in ihm auf. Ob Freiheit das überhaupt alles wert sein konnte?
»Für die Freiheit lohnt es sich immer, zu kämpfen.«
Dicht an dicht hielt ihn Che Guevara bei den Oberarmen und bohrte den flammenden Blick in den seinen. Das von einem schwarzen Bart eingerahmte Gesicht sprühte vor Willenskraft. Dann ließ er ihn los und nickte bedeutungsschwer.
»Unsere Wege sie zu verteidigen mögen unterschiedlich sein, doch das Ziel ist stets dasselbe.«
Abdis Augen glitten zu Gandhi, der im Schneidersitz auf dem Boden saß und ihn anlächelte. Den unscheinbaren Inder umgab eine kaum zu definierende Aura des Friedens und der Weltverbundenheit. Sie verschwand nicht einmal, als ein weiterer Ruck wie der gewaltige Tritt eines Esels durch das Boot fuhr.
»Meist beginnt Freiheit mit einem Traum und der Traum heißt Hoffnung.«
Er wandte den Kopf zu Martin Luther King. Der charismatische Mann in Anzug und Krawatte kam in gebückter Haltung auf ihn zu, nahm sein Gesicht in beide Hände und rieb ihm väterlich die Wangen. Mehrere Sekunden verharrten sie in dieser Position. Schließlich begann sich das historische Dreiergespann aufzulösen und an seine Stelle trat – begleitet von einem letzten heftigen Schlag, der das Boot zum Kentern brachte – eine alles umfassende Dunkelheit.

 

Rund drei Stunden später fischten sie einen völlig entkräfteten Abdi aus dem Meer. Er hatte sich an einen leeren Benzinkanister geklammert und so die Katastrophe knapp überlebt. Außer ihm konnten vierzehn weitere Flüchtlinge gerettet werden. Keine sonderlich beeindruckende Zahl, wenn man ihr die zweihundertsieben Menschen zugrunde legte, die zum Zeitpunkt des Untergangs an Deck und im Laderaum gewesen waren. Zweihundertsieben Männer, Frauen und Kindern, von denen die meisten jetzt am Grund des Ozeans lagen.
So wie Abdis Familie.
Mutter, Tante, Onkel, die Cousins – sie alle hatte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft mit ihrem Leben bezahlt. Verloren schlang er sich die raue Baumwolldecke um die Schultern und starrte hinaus auf den trüben Horizont. Vielleicht würde er eines Tages seinen Vater wiedersehen, doch für den Moment war er allein. Ohne Heimat und ohne Wurzeln.
Dafür verstand er nun endlich.
Als wäre es ein Trost spendender Freund berührte er das durchweichte Geschichtsbuch in seinem Hosenbund und fühlte ein schwaches Lächeln auf dem Gesicht. Wenn sie auch nicht tatsächlich bei ihm sein konnten, so blieb ihm wenigstens ihr Traum von Freiheit. Und er nahm sich vor, ihn zu bewahren. Als freier Mann, in einem freien Land. In einer Zukunft, die ihrem Tod und seinem Leben einen Sinn gab.
Das war er ihnen schuldig. Das war er sich selbst schuldig.

 

Daniela Herbst 20/11/2015 No Comments

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