Dunkles Erwachen

Irgendwo in der Umgebung lachten Männer. Zwei. Nicht wirklich alt und nicht wirklich jung. Laut und ungezügelt. Die Entfernung war schwer abzuschätzen, aber es konnten kaum mehr als zwanzig oder dreißig Schritte sein. Eventuell auch bedeutend weniger, wenn die Geräusche aus einem geschlossenen Raum kamen.
Müde und verwirrt rieb sie mit den Händen über ihr Gesicht, während das Gelächter noch einmal anschwoll und schließlich in Wellen abebbte. Danach herrschte fast greifbare Stille.
Zaghaft richtete sie sich auf und lauschte. Ein kräftiger Wind fegte durch Bäume. Krähen flogen unter seinen Böen davon und schrien ihre Empörung in die Welt hinaus. Holz knarrte. Ritzen pfiffen. Kalte Erde knirschte und in ihren Ohren rauschte es wie neben einem Wasserfall. Sie atmete tief den Moder des Bodens ein und betastete das merkwürdige Bett, das sie einhüllte. Feuchte Klumpen mit dem herben Aroma eines bestellten Ackers. Dunkel und konturlos hinter ihren verklebten Wimpern. Das perfekte Zuhause für einen Wurm, doch der verkehrte Ort für sie. Nicht wahr? 

Einen Moment geriet sie über ihre eigenen Gedanken ins Straucheln. Wie sollte sie nämlich die Richtigkeit von etwas beurteilen, das sie nicht einmal zu benennen vermochte? Und sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Geschweige denn wie sie dort hingelangt oder wer sie war.
Nein, das stimmte so nur zum Teil. Sie wusste, dass sie erst seit kurzer Zeit an diesem Ort verweilte und dass sie es nicht freiwillig tat. Weit hinten in der Reihe unscharfer Bilder leuchtete außerdem matt ihr Name auf. Sie konnte ihn fast greifen, rutschte aber an seinen harten Kanten ab. Sie holte tief Luft. Das machte nichts. Bald würde sie ihn wiederfinden – ihn packen, laut hinausbrüllen und wieder vollständig sein.
Doch, selbst wenn er verloren blieb, war sie ein Mensch und kein Wurm. Kaum dazu geschaffen, in feuchter Erde zu liegen. Falsch, sie war kein Mensch mehr, höchstens das Echo eines solchen, das sich an seinen verlorenen Körper klammerte. Wirr entsann sie sich an flatternde Umrisse, die sie ansprangen und das wunde Brennen ihres Halses. Wie schwarzer Nebel sie einhüllte und in einen Strudel zog. An das Messer, das ihr die Kehle durchtrennte …

 

Daniela Herbst 22/01/2015 No Comments

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