Dornröschen mein

Vorsichtig streichelte er ihre Wange. Sie fühlte sich kühl und glatt an, so als würden seine Finger lebendigen Marmor berühren. Im Licht des frühen Tages wirkte ihre Haut zudem fast wächsern. Das milchige Weiß bildete einen harten Kontrast zum Rot ihres Mundes und dem dunklen Haar, das ihr Gesicht in Locken einrahmte. Sie sah ein bisschen aus wie Schneewittchen. Nur dass sich die Prinzessin im Märchen wohl nie in einem Krampfanfall die Lippen blutig gebissen hatte.

InfusionAls er die geschwungenen Konturen nachfuhr, blinzelte sie zu ihm auf. Schwarze aufmerksame Pupillen in moosgrünen Iriskreisen. Im Bruchteil von Sekunden erfassten elektrische Impulse seinen Körper. Das vertraute heiße Ziehen im Magen, das sich langsam über die Hüften hin ausbreitete und ihn schwerer atmen ließ.

Rasch zog er seine Hände zurück und kontrollierte den Infusionsständer. Die Flüssigkeit tropfe in gleichmäßigem Rhythmus durch den Plastikschlauch, ohne an irgendeiner Stelle zu stocken. Ähnlich sah es bei seinem Pendant seitlich am Bett aus, das ihre Ausscheidungen auffing. Auch das Beatmungsgerät, das über einen Tubus in ihren Hals führte, schien einwandfrei zu arbeiten.

 

»Ich habe gute Neuigkeiten für dich.« Er trat ans Fenster und schob den Vorhang ein Stück zur Seite, sodass ein einzelner breiter Sonnenstrahl auf ihre Brust fiel. »Morgen wollen sie die Suche nach dir endgültig einstellen. Ist das nicht wunderbar?«
Sie antwortete nicht. Natürlich antwortete sie nicht. Der Zugang in ihrem Hals machte ihr das Sprechen unmöglich – und so wechselten sich wie immer nur seine Stimme und die Stille ab. Wetteiferten um ihre Gunst in dem Zimmer mit der geblümten Tapete.
»Sie sagen, die Chancen, dich nach fünf Wochen lebend zu finden, tendieren praktisch gegen null.« Er nickte, um seine Worte noch zu unterstreichen. »Da siehst du, wie egal du den Menschen da draußen bist. Deinen Eltern, deinen Freunden, der Polizei … Sie haben dich einfach aufgegeben.«
Ohne ihr in die Augen zu schauen, hob er langsam die Decke an und legte ihren in ein hauchfeines Nachthemd gehüllten Oberkörper frei. Ein fast schon heiliger Moment, der ihm ungebrochen Angst bereitete. Denn obwohl sich die Prozedur alle paar Stunden wiederholte, würde sie wohl für keinen von ihnen jemals Routine werden. Nicht für ihn und nicht für sie. Das erkannte er an ihrer ehrfürchtigen Miene.
Es kostete ihn enorme Mühe, sie jetzt nicht zu streicheln. Stattdessen drehte er sie behutsam auf die Seite und griff nach der Spritze auf dem Beistelltisch. Sie gab einige schwache Laute von sich. Kurze, abgehackte Schluchzer und ein langgezogenes Wimmern, während er ihr die Injektion zwischen die Wirbel setzte. Zuletzt löste sich ein Geräusch aus ihrer Kehle, das vage an erschöpftes Stöhnen erinnerte. Dann sank Dornröschen stumm zurück in die Kissen.

 

»Keine Angst. Sobald du erst einmal Vertrauen zu mir gefasst hast, können wir uns diese lästige Quälerei sparen.« Mit einem beinahe väterlichen Lächeln legte er die Spritze weg.
Seltsam, wie tiefgreifend sich die Dinge manchmal verändern konnten. Früher musste er jedes Mal wegsehen, wenn die Ärzte eine Periduralanästhesie durchführten. Mittlerweile verabreichte er selbst eine nach der anderen. Er, der kleine hässliche Pfleger, der zu blöd war, Patienten ordentlich Blut abzunehmen. Der Trottel, der Versager, der Widerling …
»Also gut.« Er schüttelte den Gedanken ab. »Wo waren wir gestern stehen geblieben? Ja richtig, ich hatte dir von meiner Mutter erzählt. Wobei ich mir weiterhin unschlüssig bin, ob ich das Wort Mutter für eine Frau verwenden sollte, die mir derart grausame Dinge angetan hat.«
Er bemerkte die Tränen, die über Dornröschens Wangen liefen, und hielt einen Moment inne. Das geschah nicht zum ersten Mal. Er kannte den Ablauf. Bald würde ihr Brustkorb beben und das Weinen sich zu einem dumpfen Krampf steigern.
»Es tut mir leid, ich weiß diese Geschichten nehmen dich immer furchtbar mit.« Geduldig wartete er den Ausbruch ab und säuberte ihr anschließend das Gesicht mit einem Handtuch. »Aber du brauchst kein Mitleid mit mir zu haben. Das alles hat mich nur stärker gemacht. Stark … und einsam.« In seinen Blick kroch ein sorgsam gehegter Schmerz. »Ich war eine sehr lange Zeit einsam, musst du wissen. Eine sehr, sehr lange Zeit. Doch das ist nun vorbei, nicht wahr?« Zärtlich strich er ihr eine Strähne hinters Ohr. »Denn nun bist du ja bei mir – und ich kann für uns beide stark sein. Solange es sein muss. Ich werde dich nie aufgeben. Ich nicht. Niemals. Das verspreche ich dir.«

 

Daniela Herbst 05/12/2016 1 Comment

One thought on “Dornröschen mein”

  1. Sie wurde jedes Jahr hoher und sog endlich das ganze Schloss und wuchs daruber hinaus, dass gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es ging aber die Sage in dem Land von dem schonen schlafenden Dornroschen, denn so wurde die Konigstochter genannt, so dass von Zeit zu Zeit Konigssohne kamen und durch die Hecke in das Schloss dringen wollten.

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