Dieses Haus

»Sie sagen, es gibt ein Haus am Ende der Straße, da töten sie dich. In jeder Mauerritze steckt der Tod erzählt man sich. Schon beim ersten Schritt über die Schwelle kannst du den schweren Geruch von Blut riechen. Und wenn du dafür empfänglich bist, spürst du die Angst derer, die vor dir kamen. Nachts hört man die Schreie der Verdammten durch die einsamen Lande wehen. Ihr Klagen und Rufen. Ihre Warnung an die, die nicht glauben wollen.
Riesig soll es sein und dunkel im Inneren. Ein Anwesen weit draußen, an einer abgelegenen Stelle. Beton auf Beton und nicht ein Büschel Gras dazwischen. Kalt ist es und du findest kein Fenster dort, wo sie dich hinbringen. Grausame Hände treiben dich schmale Gänge entlang. Wer nicht spurt, den zwingen sie mit Schlägen in sein Verlies. Ketten und Seile sind in die Wände eingelassen, damit ihnen auch keiner entkommt.

 

Niemand hat je das verfluchte Haus wieder verlassen, wenn ihn das Schicksal einmal über die Schwelle führte. Junge und Alte, Gesunde und Kranke – seine Bewohner unterscheiden nicht. Sie nehmen, wen sie kriegen, und wissen nicht, was Gnade bedeutet. Ihr einziges Erbarmen besteht in einem schnellen Tod, den sie ihrem Opfer vielleicht gewähren.«

 

Er schauderte. Natürlich war die Geschichte, die sein Bruder ihm gerade erzählt hatte, ein Ammenmärchen. Er wollte ihn bloß erschrecken. Trotzdem konnte er sich des flauen Gefühls im Magen nicht erwehren, als der Wagen um eine Kurve bog und am Ende der Straße ein gewaltiger Gebäudekomplex aus grauem Beton auftauchte.
Mit weit aufgerissenen Augen drängte er sich tiefer in die Gruppe. Duckte sich zwischen seine Familie. Die Wärme ihrer Körper schenkte ihm Geborgenheit. Eine Weile zumindest; bis er merkte, dass viele der anderen selbst Angst hatten. Einige zitterten. Manche traten unruhig auf der Stelle. Weiter hinten waren welche, die völlig apathisch wirkten.
»Jung. So jung«, meinte die Alte neben ihm und starrte ihn mit ihrem wirren Blick durchdringend an. »Hast ja noch nichts gesehen und erlebt.«
Das konnte er nicht bestreiten. Bis auf den Stall und seine Herde kannte er als Kalb kaum etwas von der Welt. Momentan stand ihm allerdings auch nicht der Sinn danach; hier in der Fremde, eingepfercht in einen Lastwagen. Im Gegenteil, gerade würde er alles für den vertrauten Bauernhof geben. Für den Geruch von Heu und Gras. Das Geräusch der Vögel. Den Geschmack der Wiese im späten Frühling.
Langsam rückte das Schlachthaus näher und in der Ferne hörte er die Schreie der Verdammten. Ein Wehklagen aus Furcht und Schmerz. Kein Ammenmärchen. Die schreckliche Wahrheit. 

 

Daniela Herbst 26/02/2015 No Comments

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