Dieses eine Buch

Aus den Memoiren eines Unbekannten

Die StoryspinneVor langer Zeit hielt ich ein Buch in Händen, das die Macht besaß, meine Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Aus jeder Pore des Einbands triefte Energie in ihrer reinsten Form. Allein der Titel war mit solch immenser Kraft geladen, wie ich sie nie zuvor gespürt hatte. Sein Klang hallte mir selbst flüsternd in den Ohren und seine Buchstaben, die das Cover zierten, brannten als Leuchtfeuer auf meiner inneren Leinwand. Wenn ich die Augen schloss, strahlte er von meiner Netzhaut in die Nacht hinter meinen Lidern.

Ich weiß nicht, ob es nun Jahre oder Jahrzehnte her ist, doch meine Hände erinnern sich bis heute an das Gefühl. Wie berauschend es war, das Buch mit den Fingern zu umfassen und das Gewicht der weit über fünfhundert Seiten zu spüren. Sicher wogen sie an die drei Kilo. Trotzdem trug ich meinen Schatz oft für Stunden mit mir herum. Nicht in einer Tasche, sondern so, dass ich den starren Rücken kneten, die Kanten betasten und sanft den Buchschnitt nachfahren konnte. Ehrfürchtig und immer auch ein bisschen ängstlich. Als würde das Bewusstsein durch meine Haut sickern, welch enorme Magie im Inneren steckte.

Selbst der Geruch reflektierte seine Einzigartigkeit. Neben dem vertrauten Duft nach Tinte und Papier glaubte ich manchmal, frisch gemähtes Gras wahrzunehmen. Dann wieder roch ich das harzige Aroma brennender Holzscheite im Kamin, die salzige Kühle von Wasser oder den leichten Moder, der bemooste Felsen anhaftet. Als hätte jemand statt Lesezeichen Erinnerungen fantastischer Reisen dort konserviert.

Am merkwürdigsten aber war, dass ich es sogar schmecken konnte. Natürlich nicht direkt, denn ich pflege im Allgemeinen nicht an Büchern zu lecken. Der Geschmack stellte sich ein, sobald ich mich in aller Stille auf die kiloschweren Seiten konzentrierte. Schwiegen meine restlichen Gedanken, kribbelte ein Hauch von Zimt auf meiner Zunge. Dazwischen lag die Andeutung von Sahne und Honig; mit einer Spur herben Kakaos. Im Winter gesellte sich Marzipan hinzu und im Sommer das milde Aroma frischer Minze.

Meine Güte, wie unwirklich das klingt. Trotzdem hege ich keinerlei Zweifel, dass ich es mir nicht nur eingebildet habe. Nein. Vor langer Zeit hielt ich ein Buch in Händen, das die Macht besaß, meine Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern. Das konnte ich hören, sehen, fühlen, riechen und schmecken.
Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, es auch zu lesen – oder wenigstens zu öffnen.
Vielleicht wäre es dann bei mir geblieben.

 

Daniela Herbst 23/04/2013 2 Comments

2 thoughts on “Dieses eine Buch”

    1. Hallo Dominik,
      natürlich nicht. Meine Protagonisten sind doch brave, anständige und aufrechte Bürger … oder so was in der Art … 😉
      Liebe Grüße
      Daniela

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