Die Würde des Tigers

Die Blutspur war etwa zehn Meter lang. Sie begann bei den Pavianen und zog sich bis zum Reptilienhaus. Dort verschwand sie hinter der Glastür. Ein breiter roter Streifen, der mit seiner gewalttätigen Botschaft nicht an diesen Ort und diese Zeit passen wollte. Kindernachmittag im Zoo … das Bild erinnerte eher an ein Schlachtfest.
Zwei Männer mit Gewehren traten aus dem TigerGebäude, das sonst bloß Echsen und Schlangen beherbergte. Ihre Gesichter wirkten leer. Ihre Schritte glichen dem Gang von Zombies. Wankend. Träge. Im Schatten der ausladenden Bäume sanken sie schließlich auf die Knie und begannen, hemmungslos zu weinen.


Wahrscheinlich lag es an der geschockten Atmosphäre, aber man gewann den Eindruck, als hätte sich eine Glasglocke über das gesamte Areal gestülpt. Eine Kuppel aus verstummten Schreien, Fassungslosigkeit und dem Geruch von Tod. Ein Moment des Innehaltens. Die Realität war brutal aus ihren vertrauten Bahnen geworfen worden; und sich weiterbewegen hieß, das mitsamt den grausamen Konsequenzen zu akzeptieren. 

 

Nur langsam bekam die Glasglocke feine Sprünge. Zuerst durch die beiden Männer, die ihre Gewehre umklammerten und jedem, der es hören wollte, zuriefen, dass sie den Tiger erschossen hatten. Dann durch die Frau, die ständig nach ihrem Verlobten fragte und lediglich ein stummes Kopfschütteln von ihnen erhielt. Bis sie schließlich begriff, dass es ihren Verlobten nicht mehr gab, weil er zu jener Spur geworden war, die ins Reptilienhaus führte.
Am Ende durch die aufbrechende Fassungslosigkeit der Mütter, Väter, Freunde, Lehrerinnen, Verwandten und Bekannten, die Furchtbares hatten sehen oder erleben müssen. Sie standen da und ließen ihren Gefühlen freien Lauf. Einige brachen zusammen und verteilten sich mitsamt den Verletzten auf die Krankenwägen, die nach und nach den Ort des Geschehens erreichten.
Drei Kinder, vier Erwachsene und ein Pfleger waren von dem Raubtier getötet worden. Dazu gesellten sich dutzende Menschen mit Fleischwunden sowie diejenigen, die leichte bis mittlere Verletzungen bei der Flucht abbekommen hatten. Eine Frau lag mehrere Wochen wegen Gehirnblutungen infolge eines Sturzes im Koma. 

 

Niemand, der Zeuge all jener Dinge geworden war, brachte an diesem Tag und oft noch länger die Kraft für ein Lächeln auf – und sei es eines aus reiner Höflichkeit. Ausgenommen eine Person: die Praktikantin, die am Morgen sämtliche Sicherheitsmaßnahmen ausgehebelt und den Tiger freigelassen hatte.
Als die Polizei sie in Handschellen abführte, zierte ein breites Lächeln ihr Gesicht. Es besaß nichts Bösartiges, Hämisches oder Schadenfrohes; es wirkte eher wie von einer fremden Welt. Passend zu dem selbstzufriedenen Schweigen, das sie zur Schau trug.
Später würde sie den Beamten sagen, dass sie es allein für den armen Tiger getan hatte. Sie würde von seinem gebrochenen Stolz sprechen und der menschlichen Arroganz, Tiere für das eigene Vergnügen hinter Gitter zu sperren. Sie würde sich mit ihrem persönlichen Kampf im Namen der Moral rechtfertigen und angeben, dass sie die Notwendigkeit solch drastischer Schritte bedauerte.
Interessieren würden ihre Gründe jedoch niemanden – zumindest niemanden, der an jenem blutigen Tag Teil der Katastrophe gewesen war.

 

Daniela Herbst 05/09/2013 No Comments

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