Die Schicksalsschnitzer

»Sei vorsichtig, dass du nicht zu viel abschleifst, Timotheus.«
»Ja, Meister.« Der junge Mann drehte den bearbeiteten Basaltstein im Licht und entfernte mittig noch eine dünne Schicht des dunklen Materials. Dann nahm er die Feile zur Hand, um die dadurch entstandenen Unebenheiten zu glätten.
Als er fertig war, fuhr er mit dem Daumen ein letztes Mal die schlanke Silhouette der Frauengestalt nach. Ihre geschmeidige Oberfläche und die weichen Kurven verschmolzen zu der perfekten Illusion von Schönheit. Er durfte wahrlich zufrieden sein mit seinem Werk.
»Ich denke, mein Pendantulum ist bereit, Meister.«
»Denkst du oder weißt du, Timotheus?«
»Es ist bereit«, korrigierte sich dieser rasch und stellte die Figur auf das dafür vorgesehene Podest am Fenster.

 

Der alte Hadronikus nickte.
Ohne die knapp zehn Zentimeter große Skulptur zu berühren, trat er dicht an sie heran und unterzog sie – begleitet von den neugierigen Blicken der übrigen elf Schüler – einer akribischen Prüfung. Der Schnitzer selbst schwitzte derweil Blut und Wasser ob der ausstehenden Beurteilung.
»Hm, nicht schlecht …« Der Meister legte den Kopf schief. »Eine sehr hübsche Frau. Schlank, mit gelocktem Haar und fein geschnittenem Gesicht.« Die faltigen Lippen bildeten eine schmale Linie, während er beiläufig den Fensterladen öffnete. »Allerdings wird sie blind sein.«
Erschrocken fuhr Timotheus zusammen.
»Du hast vergessen, ihr Augen zu schnitzen«, verkündete Hadronikus. Die sonore Stimme frei von jeglichem Vorwurf.
»Ich … Ich mache es wieder gut«, stammelte der junge Mann und streckte die Hand nach der Basaltfigur aus. Doch die seines Lehrers hielt ihn zurück. »Bitte, ich forme ihr die besten Augen, die Ihr je gesehen habt.«
»Zu spät.« Mit dem Zeigefinger deutete der Alte auf das Podest. Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens hatten die Staubschicht des Fensters überwunden und waren auf das Pendantulum getroffen. »Ihr Leben hat bereits begonnen.«

 

Unter dem Gemurmel seiner Mitschüler kämpfte Timotheus mit den Tränen. Er fühlte sich beschämt, unfähig und klein. Außerdem tat ihm die Frau leid, die nun blind durch die Welt gehen musste.
»Das werde ich mir nie verzeihen.«
»Natürlich wirst du das. Das tun sie alle«, sagte Meister Hadronikus milde lächelnd. Dann legte er ihm die Hand auf die Schulter und führte ihn aus der Werkkammer in ein großes Nebenzimmer.
»Was wollen wir hier?«, fragte Timotheus unsicher.
»Sieht dich um.«
Die Aufforderung verwirrte ihn, doch er gehorchte und ließ den Blick durch die Weite des Raumes wandern. Er wirkte relativ unspektakulär. Kühl und karg. Leer bis auf die zahlreichen Fenster und die langen Tische mit ihren Unmengen an Figuren. Er sah Männer und Frauen. Dazwischen einige wenige Kinder. Muskulöse, Zierliche, Hochgewachsene, Gedrungene, Rundliche. Welche aus Granit, Sandstein, Obsidian, Kalkstein, Schiefer und Marmor. Ein paar bestanden sogar aus verschiedenen Gesteinsarten. Und ein jede von ihnen war ein unverwechselbares Einzelstück. Wie die Menschen draußen in der Welt, zu denen sie als sichtbares Abbild ihres Schicksals gehörten.
»Dort drüben stellen wir dein Pendantulum auf«, meinte Hadronikus und ging zu einem freien Platz am sechsten Tisch in der dritten Reihe.
Timotheus nickte niedergeschlagen.
»Bist du immer noch betrübt wegen deines Fehlers?«
»Jetzt, wo ich all diese perfekten Skulpturen sehe, nur umso mehr.«
»Sieh genau hin.«
Zögerlich trat er an die Tischreihe, die ihm am nächsten war, und betrachtete die Figuren erneut. Und tatsächlich – die meisten wiesen kleinere bis größere Makel auf. Eine eckige Kante, unstimmige Proportionen, manchmal fehlte etwas, ein andermal gab es zu viel.
»Sind das Stücke von Schülern?«, wollte Timotheus wissen.
»Zum Teil. Einige haben aber auch die Fortgeschrittenen und die Meister geschnitzt.« Hadronikus schmunzelte und kam seiner anschließenden Frage zuvor. »Abweichungen von der Perfektion entstehen nicht allein durch Fehler. Oft liegen sie bereits im Material oder ergeben sich im Laufe des Arbeitsprozesses. Sie gehören zur Natur der Dinge.«

 

»Wie der Tod?«
»Richtig.« Der Alte nickte anerkennend und legte einen langen Hebel um, woraufhin sich die Fenster des Raumes im Gleichklang öffneten.
In der frischen Luft, die hereinströmte, begannen Staubpartikel zu tanzen. Sie stammten, wie Timotheus bei genauerem Hinsehen erkennen konnte, von den Figuren. Mit jeder Brise lösten sie sich von den Pendantuli und schwebten als flüchtiges Glitzern davon.
»Schwindende Lebenszeit …«, flüsterte Hadronikus halb zu sich selbst, halb zu seinem Schüler. »Irgendwann zerfallen sie gänzlich zu Steinstaub.«
Als hätte ihn eine höhere Macht gehört, sackte plötzlich eine männliche Skulptur aus Quarzit in sich zusammen. Weiter hinten stieß der Ast eines Apfelbaums durch das offene Fenster und fegte die Gestalt einer Frau aus Tuff vom Tisch. Sie schlug hart auf dem Boden auf und zerbrach.
»Ach ja … und manches Mal endet das Leben unerwartet oder ändert von einer Sekunde zur anderen die Form.« Vorsichtig sammelte der alte Mann die Bruchstücke ein und blickte zu einer Kinderfigur. »Selten und doch zu oft bleibt es auch stehen, noch ehe es völlig ausgereift ist.«
Das stimmte Timotheus traurig; was seinem Meister nicht verborgen blieb.
»Vergänglichkeit bedeutet keineswegs Sinnlosigkeit«, sagte Hadronikus und lenkte den Blick seines Schülers zu den Fenstern. »Der Steinstaub geht nicht verloren. Er legt sich auf die Wiesen und Felder, sickert in die Erde und wird im Lauf der Jahrhunderte zu neuem Gestein.«
»Das heißt, im Grunde sind die Menschen unsterblich?«
»In gewisser Weise schon. Sie behaupten zeit ihres Lebens einem Felsen gleich ihren Platz im Universum – und wenn sie gehen, hinterlassen sie ihre Spuren. Sie finden ihre Ewigkeit im Moment.
»Und darum formen wir Schicksalsschnitzer die Pendantuli aus Stein und nicht aus Holz oder einem anderen Material.«
»Sehr gut, Timotheus.« Hadronikus drückte ihm die Schulter. »Du wirst einmal ein würdiger Meister werden.«

 

Daniela Herbst 01/11/2015 No Comments

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