Die Scheune

Ihr war schwummerig. Hinter ihrer Stirn pochte ein hektischer Puls und ein dünner Blutfaden lief ihre Schläfe entlang zum Kinn. Noch hatte sie Schwierigkeiten, sich richtig zu orientieren, aber das Meer aus diffusen Schatten fing allmählich an, Konturen zu gewinnen – wenn auch zunächst ohne Sinn.
Da war eine Leiter. Sie führte in einem steilen Winkel zu einem Podest, dessen linke Seite sich marode nach unten neigte. Darunter stapelten sich Säcke oder Haufen schmutziger Wäsche. Durch schmale Spalte rundherum drang spärliches Mondlicht und ließ sie vereinzelte Flecken Wiese erkennen. Zu ihren Füßen erstreckte sich in beide Richtungen eine Schneise im Boden, in der seichtes Dreckwasser stand. Sie verbreiteten modrigen Bachgestank.
Luise schüttelte sich innerlich. Die Eindrücke, die sich ihr aufdrängten, wollten nicht recht zusammenpassen. Wäre sie noch immer im Wald, müsste sie Bäume sehen. Außerdem den Himmel und Sterne. Stattdessen umgrenzten Holzwände ganz klar ihr Blickfeld. Doch Grasstücke oder ein Bachlauf in einem Haus? Das ging mindestens ebenso wenig; selbst wenn die Halme ausgetrocknet schienen. Das alles widersprach sich. Und dazu dieser seltsam süßliche Geruch, der unterschwellig aufdampfte …

 

»Endlich wach?«
Luise gab ein hohes Quietschen von sich und kämpfte mühsam um ihre Fassung. Dann zuckte ihr Kopf zu der Gestalt, die sie bislang nicht bemerkt hatte. Ein Racheengel in der Nacht. Sie keuchte. Nicht, dass sie wirklich an greifbare Engel, Dämonen und den Quatsch glaubte – doch wirkte der Schemen unheimlich und wenig irdisch in seinem weiten Mantel. Er hüllte ihn ein wie eine wollene Aura. Verzerrte seinen Körper optisch zu einem gespenstischen Wesen.
Außerdem hatte ihr kein Geräusch die Anwesenheit eines anderen Menschen verraten. Nicht bevor er sprach jedenfalls. Das bedeutete entweder, dass er sich erst vor einem Wimpernschlag materialisiert hatte oder dass er dort schon stand, seit sie zu sich gekommen war. Als schweigender Beobachter nahe der doppelflügligen Tür, der ihren Zustand genoss.
Sie wusste beileibe nicht, welche Variante ihr die Liebere wäre.
»Wie heißt du?« Knapp zwei Meter von ihr entfernt löste sich der Mann aus seiner Versteinerung und begann, gemächlich auf und ab zu marschierten. Eine Hand hielt er dabei in seinem Mantel verborgen, als hätte er etwas vor ihr zu verstecken.
Mechanisch öffnete Luise den Mund, um ihm ihren Namen zu nennen: »Luhihe. Ich heiche Luhihe.« Ihre Zunge leckte gegen feuchten Stoff und das Wort, das zwischen ihren stockenden Atemstößen heraussickerte, erinnerte an das Stöhnen einer altersschwachen Kuh.
»Ich kann dich leider nicht verstehen.« Der Fremde unterbrach für einen Moment seinen Marsch und legte den Kopf schief. »Würdest du das wiederholen?«
Ängstlich schluckte sie bitteren Speichel und strengte sich an, die drei gewünschten Silben hervorzupressen. Gleichzeitig versuchte sie, die Regungen auf dem Gesicht des Mannes abzulesen. Nichts davon gelang ihr. Der Name zerfloss in unverständlichem Gemurmel – und bis auf das Weiß seiner Augen blieb seine Miene ein kantiges Oval im Dunklen.
Sie blinzelte und verlagerte ihr Gewicht hin zu dem dünnen Streifen silbriger Helligkeit, der durch eines der höher gelegenen Fenster auf den Boden fiel. Es gewährte ihr keine bessere Sicht. Falls das bisschen Mondbeleuchtung überhaupt eine Veränderung bewirkte, so verhüllte es den Fremden nur umso stärker.
Dafür bemerkte sie etwas anderes: Sie war gefesselt.

 

Gefesselt. Eine beträchtliche Weile hing sie gebannt an dem Gedanken – besonders an dem Teil, dass ihr diese unbedeutende Kleinigkeit nicht schon früher aufgefallen war. Schließlich sackte ihr eiskalte Panik in den Magen. Denn das Chaos in ihrem malträtierten Schädel fügte sich schüchtern zu einem Bild. Und das bizarre Gemälde, das im Nebel aufkeimte, behagte ihr nicht im Geringsten.
»Du willst mir deinen Namen also nicht verraten?« Der Fremde nickte. »Ist vielleicht auch besser so.« Er streichelte das Ding in seinem Mantel und kam schlafwandlerisch auf sie zu.
Ein Messer. Kein Zweifel, die Reflexion, die kurz aufgeblitzt war, stammte von einer flachen Metallklinge. Er würde sie umbringen. Sie aufschlitzen und ausbluten lassen wie ein Schwein. Luise zappelte in den Seilen.
»Es geht ganz schnell.« Er tätschelte ihre Wange und zum ersten Mal stand er derart dicht vor ihr, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spürte. Warm, trocken, weich. Trotzdem sah sie wenig Konturen, da das meiste seines Gesichts unter einem schwarzen Tuch und dessen Schattenwurf verschwand. »Ein paar Sekunden.«
Sie zerrte an den Stricken. Das grobe Material schnitt ihr in Handgelenke und Fußknöchel, lockerte sich jedoch kaum einen lausigen Millimeter. Sie schrie hinter dem Knebel und warf ihren Kopf hin und her.
Die Fliege im Spinnennetz. So wie er sie an den Balken gebunden hatte, konnte sich ihre Lunge zwar problemlos ausdehnen und nichts schmerzte oder engte sie ein. Wenn sie einigermaßen stillhielt. Aber jede Bewegung, die eine Handbreit überschritt, riss sie erbarmungslos zurück.

 

»Halt still.« Die Aufforderung, die er flüsterte, während seine Finger mit dem Messer aus seinem Mantelinneren glitten, waren nicht feindselig. Im Gegenteil, sie strahlten sogar eine gewisse Wärme aus. Als wollte ein Vater sein ängstliches Kind beruhigen, das sich auf der Flucht vor Monstern unter der Decke verkroch.
Das machte es im Grunde fast noch schlimmer. Luises Gedanken brüllten plötzlich aus sämtlichen Ecken ihres Verstandes heillos durcheinander. Laut. Leise. Wackelig. Fest. Gebete folgten auf Fragen. Fragen auf Mutzusprechungen. Bunte Reigen unterschiedlichster Verzweiflung. Am Ende aber leuchtete ein Satz wie ein Leuchtfeuer aus dem Chaos hervor: Die Zeit wurde knapp, und sobald das abgehackte Vaterunser auf ihren Lippen versiegte, stünde sie möglicherweise bereits vor den Himmelstoren. Energie strömte durch ihre Adern. Sie kreischte und warf sich erneut in den Strick, der ihre Handgelenke an die Balkenkonstruktion band.
»Das nützt dir nichts.« Er trat dicht heran, packte ihr Haar und bog ihren Kopf nach hinten. »Lass es einfach geschehen.«
»Ein«, brabbelte sie gegen den Knebel. »Itte icht!«
Ihre Muskeln spannten sich bis zu Zerreißen. Dann explodierte der Schmerz an ihrem Hals. Sengende Hitze und schneidende Kälte gleichermaßen. Ein Blitz, der Nerven durchtrennte, und rote Funken, die mit dem Schwall warmer Nässe herausschwappten, um anschließend auf ihrer Netzhaut zu tanzen.

 

Er befreite sie von dem Knebel. Betäubende Luft strömte in ihren Mund.
»Schau mich an.« Sacht aber bestimmt hob er ihren mittlerweile bleischweren Kopf und zwang sie, ihn anzusehen.
Sie kannte den Mann. Luise fixierte das Gesicht, das sie nun vom Tuch enthüllt anstarrte. Sie waren keine engen Bekannten, doch sie wusste seinen Namen und den Ort, wo er herstammte. Ein Nachbar. Einer unter vielen.
»Warum?« Die Buchstaben, die über ihre Zunge rollten, schmeckten nach Kupfer und verursachten lediglich ein bedeutungsloses Zischen ohne richtige Intonation an ihren Zähnen.
»Das würdest du nicht verstehen.« Er ließ ihren Kopf auf die Brust rutschen.
In seinem Blick lag Bedauern. Außerdem eine spezielle Form von Neugier und etwas, das wie Enttäuschung anmutete. Insgesamt ein nicht eindeutig zu interpretierendes Mienenspiel. Zumal ihre zunehmende Müdigkeit alles in Watte packte. Die Dinge irgendwie in die Ferne rückte.
»Du darfst jetzt gehen«, hauchte er und verschränkte die Arme.
Ihre Beine gaben nach. Ihre Lungen verkrampften. Jede Körperfaser pumpte in einem schweren Rhythmus. Ein letztes Mal atmete sie kräftig ein und aus. Sekunden später wurde Luises Welt für immer dunkel.

 

Daniela Herbst 25/06/2016 No Comments

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