Die Nacht zum 1.Mai

Der Tradition gemäß nutzen junge Burschen die Freinacht, um den Maibaum der Nachbargemeinde zu stehlen oder anderen harmlosen Streichen zu frönen. Mancherorts jedoch kennen die Leute keine Grenzen und aus dem unschuldigen Vergnügen wird fehlgeleitete Zerstörungswut.
So geschah es Anfang der 1990er in einem bayerischen Dorf, dass eine Gruppe Vandalen dieses Datum regelmäßig dazu nutzte, Briefkästen zu sprengen. Für die Bewohner des Ortes war es ein wahrer Graus. Jedes Jahr hörte man das Krachen der eingeworfenen Böller und sah die kleinen Leuchtfeuer gegen den schwarzen Himmel brennen.

Nun fällt wie es das Schicksal will neben der Freinacht auch die Walpurgisnacht auf den 30.April. Zu später Stunde, wenn der Anständige sein Licht löscht, fliegen die Hexen auf ihren Besen zum Blocksberg. Dort versammeln sie sich unter dem Mond und tanzen bis zum Morgen mit des Teufels auf Erden abgestellter Belegschaft. Ein heidnischer Brauch, den zu pflegen die zauberkundigen Frauen bis in die Moderne nicht vergessen.

Lange haben beide Ereignisse parallel zueinander existiert, ohne die geringsten Berührungspunkte.

Am Abend dieses einen 30.April im Jahr 1994 aber so sagt es die Legende platzierte ein junger Bursche seinen Böller derart ungünstig, dass der Briefkasten exakt in dem Moment explodierte, als eine Hexe sich gerade knapp darüber hinweg in die Lüfte erheben wollte. Sie wurde von ihrem Besen geschleudert, brach sich unglücklich das Handgelenk und verpasste zum ersten wie einzigen Mal in ihrem Leben den Tanz auf dem Brocken.

Vorbei war es mit dem Frieden.

Noch in derselben Nacht sprach die Hexe einen uralten Fluch. Jeder, der es heute oder in Zukunft wagen mochte, diese heilige Zeit durch eine solche Respektlosigkeit zu besudeln, sollte ihren Zorn aufs Bitterste zu spüren bekommen. Grimmig und entschlossen ging sie zu Werke und besiegelte ihr dunkles Kunststück am Ende mit Spucke wie Blut.

Als in der Freinacht darauf wieder eine Gruppe Vandalen loszog, um Unruhe zu stiften, hörten die Bewohner des Dorfes kein Krachen von eingeworfenen Böllern. An ihre Ohren drang eine gänzlich andere Art von Lärm: Schreie. Hohe, grelle, furchterregend schmerzverzerrte Schreie. Auch sahen sie keine Leuchtfeuer gegen den schwarzen Himmel brennen, sondern einen blutenden Burschen, der bleich und entsetzt einen Stumpf an die Brust gedrückt hielt.

BriefkastenDenn dies war der Fluch der Hexe: Jedes Jahr in der Nacht zum 1.Mai erwachten die Briefkästen zu hungrigem Leben. Wer fortan seine Finger in den Schlitz steckte, verlor sie unweigerlich. Mit Zähnen scharf wie Rasierklingen bissen sie, kauten und schluckten – und am nächsten Morgen der Daumen, die Hand, der Arm ward nie mehr gesehen.
Den Namen des Dorfes hat die Geschichte vergessen. Es lag in Bayern. Oder war es doch Hessen? Sachsen? Das Rheinland? Ach, das spielt keine Rolle. Sei gut zu Briefkästen und du hast nichts zu befürchten …

 

Daniela Herbst 30/04/2013 No Comments

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