Die Lieferung

Unruhig stand Gerd am Fenster und starrte hinaus auf die dunkler werdende Straße. Das durfte ja wohl nicht wahr sein. Normalerweise kam die Post um zwei Uhr nachmittags, manchmal auch gegen drei oder vier. Jetzt war es bereits nach halbsechs Uhr abends und nirgendwo ein verdammter Postwagen in Sicht.
»Komm schon«, flüsterte er beschwörend und sah seinen Atem als weißen Dunst auf der Scheibe kondensieren.
Ein altes Ehepaar schlenderte in Gemütsruhe über den Vorplatz des Mietshauses. Gegenüber unterhielt sich ein Mann mit einer jungen Frau, die einen Hund an der Leine führte. Aus dem Park unweit seiner Wohnung hörte er Gelächter. Der Wasserhahn im Spülbecken tropfte und die Digitalanzeige der Mikrowelle leuchtete ihn fast spöttisch an.
Er stöhnte. Hatte sich denn die ganze Welt gegen ihn verschworen? Wussten die nicht, wie dringend er dieses Paket erwartete?

 

Zum hundertsten Mal innerhalb der letzten halben Stunde pilgerte er zu seinem Schreibtisch im Wohnzimmer und rief online den Lieferstatus ab.
Die Sendung wurde in das Zustellfahrzeug geladen stand dort in knallroten Lettern. Die gleiche Information, die er nunmehr seit heute Vormittag zu lesen bekam.
»Na toll …«, grummelte er und schloss die Webseite.
Er fand es wirklich wunderbar, dass sich sein Paket quasi auf dem Weg zu ihm befand. Nur nützte das ums Verrecken wenig, wenn der zuständige Fahrer nicht schnurstracks vom Verteilerzentrum zu ihm fuhr, sondern dreimal ums Karree tuckerte. Da er die Route nicht kannte, konnte es gemäß der Botschaft fünf Minuten oder fünf Stunden dauern, bis der Kerl eintraf.
Die Sendung wurde in das Zustellfahrzeug geladen war somit alles andere als eine befriedigende Aussage.
Knurrend lief Gerd wieder zurück in die Küche und heftete sich ans Fenster. Falls er rechtzeitig winkte, kam der Typ wenigstens nicht auf die Idee vorher noch schnell seine SMS zu checken oder gar zuerst bei einem seiner Nachbarn zu klingeln – von denen eventuell auch einer ein Paket erwartete.
Das Ganze hätte sich sofort erledigt gehabt, wenn unter der Service-Hotline jemand rangegangen wäre. Doch nein, nur eine dämliche Mailbox, die sich dafür entschuldigte, dass sich gerade keiner Zeit für ihn nehmen könne (beziehungsweise wolle).

 

»Endlich!«, keuchte er und trommelte gegen die Scheibe, bis der Zusteller zu ihm aufblickte. Dann gab er ihm Zeichen, sich zu beeilen.
Der Mann in seiner Uniform winkte etwas irritiert. Nichtsdestotrotz beschleunigte er seinen Lauf. In der Hand hielt er einen kleinen braunen Karton.
Gerd rannte zur Tür, brüllte »dritter Stock« durch die Gegensprechanlage und drückte den Öffner. Erleichtert hörte er Schritte im Treppenhaus. Eine gefühlte Ewigkeit beziehungsweise eine knappe Minute später stand der Herr von der Post bei ihm auf der Fußmatte.
»Na, wir haben es heute aber eilig«, witzelte dieser.
»Ja.« Gerd war nicht nach Small Talk.
Er unterschrieb hektisch, griff sich das Paket und knallte ohne großen Kommentar die Tür wieder zu. Anschließend huschte er in die Küche, schnappte sich ein Messer, durchschnitt das Klebeband und riss den Karton auf.
Oh ja, er hatte es eilig. Verdammt eilig.
Denn in der Sendung befand sich das Gegengift für Serendipity.
Eigentlich nur vorsorglich vor einigen Tagen geordert.
Im Grunde eine Lieferung, die gar nicht pressant gewesen wäre. Hätte ihn seine geschuppte Mitbewohnerin mit der gespaltenen Zunge nicht ausgerechnet heute gebissen. Etwa vor einer Dreiviertelstunde, aus schlechter Laune heraus, weil ihr Wasserbehälter umgekippt war. Zum Glück hielt sich ihr Giftgehalt in Grenzen. Trotzdem wurde es langsam höchste Zeit für das Gegenserum – zumindest wenn er alle seine Gliedmaßen samt Leben behalten wollte.
Aber wie lautete der Wahlspruch der Boten – besser spät als zu spät? Na, oder so ähnlich.

 

Daniela Herbst 13/03/2015 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.