Die Leiche, mein Mörder und ich

Die Wucht der Ohrfeige holte ihn unsanft ins Bewusstsein. Wie ein elektrischer Impuls jagte der Aufprall der breiten Handfläche durch seinen Schädel und zum Nacken, von wo aus er in seinen Nervensträngen verebbte. Er manifestierte sich eben in Form eines vagen Gedankens, als grobe Finger in sein Haar griffen und ihm den Kopf hochrissen. Verwirrt blinzelte er in das maskierte Gesicht, das wenige Zentimeter vor ihm Kontur annahm.
»Wach?« Das Gesicht kam näher. Warmer, säuerlicher Atem streifte seine Nase. »Schön, dann hör mir jetzt gut zu, David. Ich sage das nur einmal. Ja? Keine Wiederholung. Keine Erklärungen. Verstanden?«
David keuchte auf. Unfähig zu sprechen. Da traf ihn erneut eine satte Ohrfeige.
»Ich habe gefragt, ob du mich verstanden hast?«
»Ja!« Er nickte heftig.
»Also schön. Du bist tot, David.«
Er hielt schweigend die Luft an. In erster Linie, weil er nicht wusste, wie er auf diese absurde Feststellung reagieren sollte. Immerhin atmete er. Fühlte die Hitze in seiner Wange und den Kopfschmerz, hörte den Kerl reden und schmeckte das Blut im Mund.
Doch eine ernsthafte Reaktion wurde offenbar gar nicht von ihm erwartet. Der Maskierte setzte ohne große Umschweife zum Rest seines Monologs an.

»Sie haben deine Leiche gefunden, sie identifiziert, deinen Tod betrauert und dich begraben«, sagte er und ließ die Worte genüsslich auf seiner Zunge tanzen. »Ein ziemlich brutaler und hinterhältiger Mord. Aber keine Sorge, die Polizei sucht bereits nach dem Bastard, der dir das angetan hat.«
David riss die Augen auf.
Der Maskenmann gab ein röchelndes Lachen von sich, das ihm eine beinahe schmerzhafte Gänsehaut bescherte.
»Der Tote heißt in Wirklichkeit Amin Rohda«, raunte er. »Den Namen solltest du dir merken, ab sofort gehört er nämlich dir. Er steht auf deinem Personalausweis, deinem Führerschein und im Mietvertrag für eine schäbige, kleine Wohnung in der Südstadt.« Wieder ertönte dieses grausame Lachen. »In Ordnung, den Rest wirst du selbst herausfinden. Nur noch ein Tipp: Halte dich in nächster Zeit etwas bedeckt. Ich schätze, bald dürften die ersten Phantombilder in den Medien kursieren.«
»Wer … wer sind Sie und was soll das alles? Ich verstehe das nicht.«
»Ich weiß. Aber mit viel Glück für dich ändert sich das im Lauf der kommenden Tage vielleicht.« Der Fremde tätschelte ihm die Wange. »Oder auch nicht. Jetzt muss ich leider gehen. Versuch länger durchzuhalten, als ich dir zutraue.«
Entsetzt starrte David dem Mann hinterher, der in geradezu perverser Lässigkeit um die nächste Straßenecke schlenderte und endgültig aus seinem Blickfeld verschwand.

 

Daniela Herbst 03/08/2016 No Comments

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