Die Kleine mit den schiefen Zähnen

Das Zimmer roch muffig. Als ob wochenlang keiner mehr gelüftet hätte. Was nicht sein konnte, denn Nils´ Mutter riss jeden Morgen die Fenster weit auf und zwang ihren Sohn, das Bett zu machen. Bevor sie ihm sein Frühstücksmüsli hinstellte, zwei Euro fürs Pausenbrot aus der Handtasche kramte und ihn mit einem Kuss auf die Wange in den Tag schickte. Das tat sie, seit er die erste Klasse besuchte. Ganz die liebevolle Erziehungsberechtigte eben. Dass ihr Spross mittlerweile einen Mofa-Führerschein besaß und eine Freundin hatte, änderte nicht das Geringste daran.
»Kleb ihr noch einen Schnurrbart an«, sagte Sam und knuffte Nils in die Rippen. »So einen richtig dicken!«
»Und mal ein paar Stinkelinien unter die Achseln!«, verlangte Matze.
Grinsend fügte er beide Vorschläge in das Foto ein – Kinderkram mit seinem neuen Grafikprogramm – und ergänzte sie durch fette Augenbrauen. Das Mädchen auf dem Bild erinnerte jetzt an eine Neandertalerin. Eine Neandertalerin mit schiefen Schneidezähnen.
Die drei Freunde lachten sich schier schlapp.

 

»Los! Stell es endlich online.«
»Ja, mach hin!«
Ehe er Gelegenheit bekam, dem Wunsch nachzukommen, klopfte es zweimal kurz an der Tür und seine Mutter trat ins Zimmer. Vor Schreck knallte er den Laptop zu. Gott, wie er es hasste, wenn sie das tat. Was nützte klopfen ohne die Bereitschaft, auf das »Herein« zu warten?!
»Na. Alles klar, Jungs?«, fragte sie und schielte über Nils´ Schulter auf den Schreibtisch.
»Ja, Mum.«
»Schön. Sam, Matze, ihr bleibt doch zum Essen?«
Beide nickten einhellig.
»Ihr seid so ruhig. Habe ich euch bei einer geheimen Sache gestört?«
»Mum, was willst du?«
»Ich wollte euch nur die Colas hier bringen.« Sie stellte die kleinen Flaschen neben den Laptop. Ihrer Stimme nach zu urteilen war sie leicht eingeschnappt. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, weiterhin im Zimmer rumzustehen. »Okay, dann werde ich wieder gehen.«
Langsam schlenderte sie zur Tür.

 

»Ach ja …«, sagte sie und blieb im Rahmen stehen, als versuche sie ein wenig Zeit herauszuschinden. »Habt ihr eigentlich von dem Mädchen gehört? Schlimme Sache.«
Genervt sog Nils Luft durch die Nase. Er liebte seine Mutter aufrichtig, aber in solchen Momenten brachte sie ihn vor seinen Freunden einfach in eine peinliche Situation.
»Nein, Mum.«
»Das wundert mich. Die Kleine ging immerhin auf eure Schule.«
Das ließ die drei aufhorchen.
»Hat sich umgebracht, das arme Ding. Angeblich weil sie von einigen Leuten im Internet gemobbt wurde. Haben irgendwelche fiesen Fotos von ihr online gestellt und sie bei Facebook beleidigt.« Sie seufzte. »Muss schlimm für die Eltern sein. In der Zeitung war heute ein Foto von ihr. Süßes Mädchen. Bisschen schiefe Zähne.«
Nils drehte sich das Frühstücksmüsli um.
»Na dann, Jungs. Macht mal weiter. Wir sehen uns in einer halben Stunde zum Abendessen.«

 

Daniela Herbst 20/08/2014 No Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.