Die Frau mit den 27 Katzen

Wann beginnen die Dinge? Manchmal denke ich niemals. Nichts beginnt, sondern eines geht in das andere über und verändert sich, ohne dass man den Prozess wirklich bemerkt. Und erst wenn von der ursprünglichen Sache kein Stück mehr übrig ist, erkennt man das neu Entstandene.
In meinem Beispiel wäre Hanna Klein das Vergangene und »die Irre aus dem zweiten Stock« das Gegenwärtige, das aus ihr beziehungsweise mir geworden ist. Eines hat Platz geschaffen für das andere, ohne dass ich sagen könnte, wo auf der Zeitachse die beiden endgültig getauscht haben.
Ich meine, ich bin ja nicht eines Tages mit dem Gedanken aufgewacht »ab morgen kremple ich mein Leben um 180 Grad um«. Ich hatte nie vor, ein Sonderling zu werden, mir 27 Katzen in die Wohnung zu holen, der Gesellschaft den Rücken zu kehren und nur noch heimlich aus meinen vier Wänden zu schleichen. Es war keine bewusste Entscheidung. Es passierte einfach im Lauf der Jahre.

 

Würde ich unbedingt nach einem Anfang suchen wollen, so läge er vermutlich zwischen dem Tag, an dem mich mein Verlobter verlassen hat, und meiner Kündigung.
Aber es waren so viele verschiedene – teils große, teils winzige – Ereignisse, die von damals bis heute mein Leben in seine Bahnen gelenkt haben. Sie bilden eine dicht verwobene Kette. Ich möchte sie gar nicht gewichten oder eines herausnehmen. Immerhin hatten auch einschneidende Momente wie Bernds Auszug und der Verlust meiner Stelle als Fremdsprachensekretärin schätzungsweise ihre unscheinbaren Ursachen, die ihnen vorausgingen.
Nichts im Universum ist von allem anderen unabhängig.
Nichts verschwindet.
Alles wird permanent umgestaltet.
Damit wären wir wieder am nicht existenten Beginn und bei der Frage, ob Hanna Klein irgendwann aufhörte zu sein oder ob sie in »die Irre aus dem zweiten Stock« integriert wurde.
Nach meiner Theorie Letzteres.
Nach meiner Erfahrung Ersteres.
Denn kaum jemand benutzt mittlerweile noch meinen Namen. Zumindest kommt es so selten vor, dass ich mich bei seinem Klang fast selbst erschrecke. Sogar der Postbote spricht mich meist gar nicht direkt an, sondern hält mir lieber wortlos sein Gerät hin und lässt mich unterschreiben.

 

Das war das gestern und vorgestern.
Heute sind sie in meiner Wohnung, sammeln meine Lieblinge ein und ich bin zu wenig mehr in der Lage, als dauernd »Raus!« zu brüllen.
In meinem Kopf bin ich weiterhin Hanna Klein, die sich gewählt ausdrücken kann. Ich will vernünftig mit der Sache umgehen. Ruhig bleiben. Lösungen finden. Nur kommen die Gedanken nicht über meine Zunge – so sehr ich mich auch bemühe.
Statt »Bitte lassen Sie mir Zeit eine passende Unterkunft für meine Babys zu organisieren« schreie ich »Schweine! Katzenmörder! Drecksäue!« Obwohl ich natürlich weiß, dass sie meine Schätze nicht umbringen. Sie fahren sie ins Tierheim; was sicher das Beste für sie sein wird. Meine winzige Bude erstickt uns fast.
Ich schlage nach den Polizisten. Ich kratze sie, spucke in Richtung meines bald ehemaligen Vermieters und versuche, die Typen vom Veterinäramt zu beißen. Dabei habe ich bloß Angst, was draußen aus mir wird.
Ab morgen stehe ich nämlich auf der Straße.
Wieder so eine Sache, die nicht wirklich beginnt; die in etwas anderes übergeht und sich verändert. Ich wünschte, das würde endlich aufhören.

 

Daniela Herbst 29/07/2014 No Comments

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