Die Bäuerin

Hannah Weinzierl wurde im Jahre des Herrn 1890 auf einem Bauernhof im südlichen Bayern geboren. Als fünftes Kind ihrer Eltern Luitpold und Maria Weinzierl sowie eines von insgesamt sieben Geschwistern. Eigentlich neun, doch zwei hatten ihr erstes Lebensjahr nicht erreicht; so schwieg man sie im wahrsten Sinne des Wortes tot.
Zur Schule ging sie, bis sie ihren Namen schreiben und die Hennen mit den Hähnen addieren konnte. Danach musste sie auf dem Feld oder daheim mit anpacken. Bildung half einem Kalb nicht auf die Welt und außer der Bibel gab es in ihrer Stube ohnehin kein Buch zu lesen. Selbst das hießen ihre Eltern im Grunde Zeitverschwendung. Dass der Mensch von Geburt an ein Sünder sei, erzählte einem schließlich auch der Pfarrer.
»Wegen unserer Sündhaftigkeit starb Christus am Kreuz«, predigte er jeden Sonntag von seiner Kanzel. »Geopfert vom Herrgott für das Seelenheil seiner sterblichen Kinder. Wiederauferstanden von den Toten für deren Erlösung.« Dann schickte er den Blick über die Gemeinde und warnte vor den Verführungskünsten des Teufels. »Im Wein kommt er zu den Schwachen. Im Fleisch der Verderbten nistet er sich ein. Müßiggang und Laster öffnen ihm Tür und Tor.«
Das war vielleicht einer der Gründe, warum Hannah in ihrer Kindheit oft unter schweren Alpträumen litt. Zu jener Zeit nahm man kaum Rücksicht auf die heranwachsende Gemüter. War doch ein kleines Trauma verschmerzbar für eine Tochter, die sich zum Nachtgebet kniete, ihren Schoß für lasterhaft und jegliche Körperlichkeit vor der Ehe für den direkten Weg zur Hölle hielt.

 

Rückblickend betrachtet wäre Hannah Weinzierl besser gedient gewesen, man hätte sie länger zur Schule geschickt und dafür ihre Weiblichkeit ein bisschen weniger verdammt. Denn nichts schmeckt süßer als verbotene Früchte. Und nichts eröffnet trickreichen Burschen schneller den Weg zur Glückseligkeit als dumme Mädchen.
So erwartete Hannah im zarten Alter von sechzehn ein Kind. Unehelich, ungewollt und überraschend versteht sich. Sie merkte es erst, als ihre Blutung den zweiten Vollmond ausblieb. Die Unschuld dahin. Der Erzeuger verschwunden. Unter Tränen gestand sie daheim die Missetat.
Ihre Eltern – zunächst versucht, sie mitsamt ihrem Balg im Dorfbach zu ertränken – bemühten sich redlich, die Schande vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Viel Zeit blieb ihnen jedoch nicht, denn der Bauch begann sich bereits zu wölben. Ein Vater und Ehemann musste her, um die Ehre ihrer Tochter nicht völlig verloren zu geben. Erkauft durch Hannahs Jugend und einen nicht unerheblichen Teil des Weinzierlschen Ersparten. Was man dafür bekam? Einen einsamer Witwer von annähernd sechzig Jahren mit einem kleinen Hof; auf einem Ohr taub und für den Zustand des Mädchens blind.
Wenig angetan von der Zukunft, die ihr diese Ehe bescheiden würde, verfiel Hannah in eine tiefe Melancholie. Indes wuchs das Kind in ihrem Leib nun mal heran. Die Eltern schienen mit ihr abgeschlossen. Ihrem baldigen Gatten wiederum war es einerlei, vor dem Pfarrer eine lächelnde oder weinende Braut vorzufinden. Und im Ehebett gedachte er ohnehin nicht, ihr ins Gesicht zu schauen. Es blieb ihr kaum mehr übrig, als ihr Schicksal zu akzeptieren.

 

Fünf Monate nach der Hochzeit brachte sie eine Tochter zur Welt. Mariann, die sie vom ersten Moment an innig liebte. Konnte das kleine Bündel doch nichts für die Umstände seiner Entstehungen und die Laster seiner Mutter.
Letztlich befreite sie das Kind sogar von ihren ehelichen Pflichten. Eine Niederkunft – besonders eine, die mit reichlich Blut, lauten Schreien und einer schwitzenden Hebamme vor sich ging – veränderte nämlich nicht selten den Blick eines Mannes auf seine Frau. Speziell derer mit einem empfindlichen Magen.
Drei Jahre später befreite sie der empfindliche Magen schließlich in Gänze von ihrem Gatten. Denn ihm ward nicht allein die Geburt auf Selbigen geschlagen, sondern er trug sich bereits seit Längerem mit einer verschleppten Infektion.
Womit Hannah im Alter von zwanzig nunmehr Witwe, Mutter und Besitzerin eines kleinen Hofes war.

 

Daniela Herbst 03/05/2016 No Comments

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