Des Betrachters Bild


Beschwingt und mit sich selbst äußerst zufrieden schlenderte Ingo vom Flohmarktgelände. Hätte er auch nur den Hauch musikalischen Talents besessen, ihm wäre glatt ein Lied auf den Lippen gelegen. So jedoch linste er nur stumm in den Stoffbeutel. Heute hatte er reiche Ausbeute gemacht. Da würde sich ebay freuen.
Manchmal wunderte es ihn wirklich, wie wenig Ahnung die Leute vom Wert der Dinge besaßen. Da verlangten sie utopische Preise für Plunder und ihre Schätze verhökerten sie für einen Spottpreis. Er schüttelte den Kopf und stieg in den Bus. Niemand interessierte sich mehr für die Geschichte der Gegenstände.
Versonnen begann er, in seiner Beute zu wühlen.
Die Brosche mit der fein herausgearbeiteten Blüte würde er seiner Freundin zum Geburtstag schenken. Sie stand auf Vintage-Schmuck. Das Münzalbum musste er erst mal in Ruhe durchsehen. Aber in der Regel fand sich da mindestens ein Exemplar, das den Kaufpreis doppelt und dreifach wieder reinholte. Die Zinnfiguren, das Buch und das Uhrmacher-Werkzeug konnte er gleich mit ordentlichem Gewinn weiterverkaufen. Sollte er vermutlich auch machen. Diesen Monat dürfte es finanziell sonst etwas knapp werden.
Blieb der Bildbetrachter. Um ehrlich zu sein, kein besonders schönes Stück. Er war khakibraun und ziemlich abgeschabt. Weder selten noch ausgefallen. Dazu gab es zwanzig runde Bildscheiben, die man oben einstecke. Den würde er wohl selbst behalten.

Zuhause angekommen machte er eine detaillierte Bestandsaufnahme, sortierte seine Schätze, reinigte sie und stellte die ersten Teile online. Immer wieder fiel sein Blick dabei auf den Bildbetrachter. Irgendetwas an dem Spielzeug zog ihn magisch an.
»Na schön, dann wollen wir dich mal ausprobieren«, flüsterte er und pickte blind eine der Scheiben heraus. Seenlandschaft hieß sie. Klang doch nicht übel …
Er legte sie in den dafür vorgesehenen Schlitz ein und schaute in die beiden Linsen, wie durch ein Fernglas. Bisschen dunkel. Er drehte sich Richtung Fenster und das Ufer erstrahlte in Frühlingslicht. Nett. Schilf, ruhiges Wasser und im Hintergrund ein kleines Boot. Er drückte den Knopf und mit einem Klicken wechselte das Bild zur Ansicht einer Parkbank mit Panoramablick auf den See. Das Panorama war der Wahnsinn. Nicht so sehr die Aufnahme selbst; vielmehr seine Intensität. Man meinte fast, das Gras unter den Schuhen zu fühlen und die modrige Frische der sich kräuselnden Wellen zu riechen.
»Heilige Scheiße …« Ingo senkte langsam den Bildbetrachter.
Man meinte nicht nur – er fühlte das Gras unter seinen Schuhen und er roch auch das modrige Wasser. So unglaublich es erschien, er stand nicht mehr in seinem Wohnzimmer. Er stand am Rand eines Sees. Des Sees, den er sich eben noch durch den Bildbetrachter angeschaut hatte.
Erschrocken riss er die runde Scheibe aus dem Gerät.
Die Umgebung wechselte und er befand sich wieder in seinen vertrauten vier Wänden.

»Wahnsinn«, flüsterte er mit trockener Kehle und rieb sich das Kinn.
Dann ging er in die Küche und genehmigte sich einen Schnaps. Er trank sonst nie so früh am Tag. Eigentlich trank er so gut wie nie. Aber bei so einer Entdeckung konnte man ruhig mal eine Ausnahme machen.
Nachdem er sich einigermaßen beruhigt hatte, sammelte er die Scheibe ein und probierte es noch einmal. Erneut landete er am Ufer des Sees. Später wiederholte er das Ganze mit anderen Bildern. Mal verschlug es ihn in einen Wald. Mal in die Wüste. Mal in das von Rosen umrankte Schloss von Dornröschen. Und immer wenn er die Scheibe anschließend aus dem Bildbetrachter zog, versetzte es ihn zurück in seine Wohnung.
»Ich glaube, ich spinne.«
Er kriegte gar nicht genug davon, durch Landschaften und Szenen zu springen. Beinahe jede Bildsammlung hatte er bereits ausprobiert. Im Moment hielt er die mit dem Titel »Nacht« in Händen. Neugierig legte er sie ein und betätigte den Knopf. Ein Klicken und er stand inmitten von undurchdringlicher Schwärze unter einem sterndurchsetzten Himmel. Wunderschön. Stille und Frieden vor dem schattenhaften Scherenschnitt eines Waldes.
Eine Atmosphäre der Ruhe. Bis hinter ihm eine Eule in die Nacht schrie und aufflog.
Vor Schreck ließ er den Bildbetrachter fallen.
»Mist«, zischte er und bückte sich, um das Gerät zu suchen.
Seine Finger krochen über taubenetztes Gras. Es musste hier irgendwo liegen. Weit konnte es ja nicht gefallen sein. Hektisch schob er sich auf Knien nach beiden Seiten und tastete die im Dunklen unsichtbare Wiese ab. Panik stieg in ihm auf. Panik, die zu wilder Angst wurde, als seine Hände in das tiefe Nichts eines Loches griffen. Ingo schauderte. Ein falscher Schritt und er wäre dort hineingestürzt. In die unbekannte Schwärze.
Mit dem gleichen unguten Gefühl wusste er plötzlich instinktiv, was mit dem Apparat geschehen war. Was er nicht wusste, war, was er nun tun sollte.  

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