Der verschwundene Zwerg

Georgs Nachbarin hieß Henriette Plonski. Eine weißhaarige Dame, die für seinen Geschmack zu oft am Gartenzaun hing und leider wenig Sympathien für ihn hegte. In jungen Jahren – also irgendwann um die vorletzte Jahrhundertwende – war sie Lehrerin an einer Gesamtschule gewesen. Selbst wenn sie ihm das nicht bereits dreimal unter die Nase gerieben hätte, hätte er darauf wetten können. Die Frau verursachte ihm stets unbewusst ein kaltes Frösteln, wie es nur Lehrerinnen oder Zahnärzte vermochten.
Eines Tages sah sie ihn besonders giftig an, als er von der Arbeit nach Hause kam. Offenbar unterstellte sie ihm irgendeine Böswilligkeit. Ob er wieder mal die Tonne zu weit auf den Fußweg gestellt oder den Himbeerstrauch nicht ordentlich gestutzt hatte? Nun, er würde es gleich erfahren.
»Haben Sie meinen Friederich gesehen? Er ist verschwunden!«, schimpfte sie schon los, kaum dass er zur Haustür gelangt war.
»Welcher Friederich? Ich dachte, Ihr Mann heißt Walther.«

 

»Ich spreche doch von meinem Gartenzwerg!«
Zwar musste sich Georg eingestehen, dass er dem Wicht in seiner Fantasie bereits zahlreiche schlimme Dinge angetan hatte, in der Realität wusch er seine Hände dagegen in Unschuld. Was er auch Henriette Plonski zu versichern versuchte, jedoch mit eher mangelndem Erfolg. So vergingen die nächsten Tage in einer Mischung aus kalter Distanz und stummer Anklage. Wenn er je gehofft hatte, das Verhältnis zwischen ihnen könne sich bessern, war diese Hoffnung mit Friederichs Verschwinden jäh verpufft. Für Frau Plonski blieb er ein Zwergennapper.
Bis etwa eine Woche später zwei Männer am Gartenzaun auftauchten: Walther und Friederich. Unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit gestand ihm Ersterer, dass er Letzteren bei einem unachtsamen Wendemanöver vor einiger Zeit überfahren hatte. Leider war es recht schwierig gewesen, einen »Zwilling« zu finden, weshalb er den Nachbarn erst jetzt entlasten konnte.
Man verabschiedete sich und die Welt hätte in Ordnung sein können. Doch nein. Am darauffolgenden Tag wartete Henriette Plonski mit einer üblen Überraschung auf.
»Ich muss mich wirklich entschuldigen, dass ich Sie verdächtigt habe«, sagte sie und drückte ihm Heinrich die Hand. »Als kleine Wiedergutmachung.«
Verkniffen lächelnd nahm Georg den Gartenzwerg entgegen, der falls möglich sogar noch hässlicher als sein Kollege Friederich war. Dummerweise kam überfahren diesmal wohl nicht infrage. So bedankte er sich stattdessen artig und stellte Heinrich in den Vorgarten. Was tat man schließlich nicht alles für eine gute Nachbarschaft?

 

Daniela Herbst 30/09/2015 No Comments

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