Der Stich der Biene

Die StoryspinneMereths Brust brannte im selben Rhythmus, in dem das Blut aus ihrer Bauchwunde sprudelte. Kälte kroch von unten durch ihre Haut, während ihre Kleidung die nasse Wärme aufsaugte. Schmerzen. Taube Muskeln. Nacht. Fahles Mondlicht. Und über allem schwebte dieses unwirkliche Gefühl. Bilder wie im Zeitraffer. Erst die Hand auf ihrer Schulter. Dann dieses Grinsen. Ein Messer. Ihr Schrei. Der Kampf zwischen den beiden Männern.

Vorsichtig drehte sie sich zur Seite und starrte auf den leblosen Körper, der neben ihr auf dem Asphalt lag. Die offenen Augen des Kerls glotzten blind zum Himmel. Ein ausdrucksloses Gesicht, dem jegliches Menschsein fehlte. Was auch immer seine widerlichen Absichten gewesen sein mochten, sie waren mit ihm gegangen.
Und ihr Retter? Der kniete zu ihrer Linken und presste die Hand auf die Wunde. Karmesin färbte seine Finger.
Mereth schluckte bitteres Kupfer. Sie würde sterben. Ohne Furcht nahm sie diese einfache Tatsache zur Kenntnis. Sie verlor zu schnell zu viel Blut. Ihr blieb nur mehr wenig Zeit.

»Halt durch«, flüsterte der Fremde. Als hätte er ihre Gedanken gehört, drückte er noch stärker gegen den quellenden roten Strom.
Sie keuchte und biss die Zähne zusammen.
Sein Griff war entschlossen, nichtsdestotrotz floss das Leben unaufhaltsam aus ihr heraus – und das hieß, ihr wundersamer Held hatte das seine am Ende völlig umsonst riskiert.
»Ich lasse dich nicht sterben.«
»Du hast keine Wahl«, murmelte sie.
»Wir haben immer eine Wahl.« Seine freie Hand streichelte sanft ihre Schläfe.

»Schließ die Augen.«
Unsicher blinzelte sie in die undurchdringlichen grauen Iriskreise. Zusammen mit dem schwarzen Haar und dem fast schon bleichen Gesicht wirkten sie wie die Spiegelungen des Mondes. Wie die Fleisch gewordene Nacht.
»Vertrau mir.«
Müde gehorchte sie und tauchte in die Dunkelheit hinter ihren Lidern. Weshalb den Mann fürchten, der sie gerettet hatte?
»Genieß deine Zeit«, hauchte er rau. Sein Atem streifte ihre Wange.
Dann versenkte er seine Zähne in ihrem Hals.

Allein der Schock schloss Mereths Lippen. Hatte sie mit allem gerechnet; aber nicht damit, dass er sie aus heiterem Himmel biss. Hitze wallte von ihrem Nacken zu ihren tauben Füßen; entflammte ihre Venen und explodierte jenseits ihrer Stirn. Weißes Feuer. Blitze. Schmerz. Und am Ende tröstliches Schwarz.
Für wie lange? Sie wusste es nicht.
Zumindest schien der Mond noch, als sie wieder zu sich kam.
Neben ihr lagen die Leichen zweier Männer.
Den Tod des einen konnte sie bloß begrüßen, den Tod des anderen nahm sie mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge hin.

Was war mit ihrem Retter geschehen?
Sie schüttelte den Kopf – und auch wenn etwas tief in ihrem Inneren die Wahrheit bereits ahnte, sollte es über ein Jahrhundert dauern, bis die schwelende Frage ihre Bestätigung fand. An dem Tag nämlich, an dem sie die einst von einem Fremden empfangene Gabe weiterreichte, um jemandes Zeit zu verlängern.
Als sie ein Leben rettete und damit automatisch ihr eigenes gab.

 

Daniela Herbst 08/05/2013 No Comments

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