Der Schatz im Gildersee

Man nennt mich Old Oddment. Ich bin Reisender und einer der letzten Überlebenden meines Volkes. Gezeichnet von den Narben der Vergangenheit führt mich mein Weg durch die Wilde Welt. Ich schlafe am Tag und rette Leben in der Nacht. Mein einziger Begleiter ist mein Schatten; ich würde es nicht anders wollen. Außerdem wurde ich dazu auserkoren, das Wissen der Moribunds vor der Vernichtung zu bewahren.
Moribunds … diesen Namen haben uns die Grauen Männer gegeben. Ich schätze, sie fanden ihn spaßig. Er ist mir schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich mich kaum mehr an das Wort der Alten für unsere Abstammung erinnern kann.
Auch ihre Geschichten beginnen allmählich, in meinem Kopf zu verblassen. Nicht, dass ich ihren Inhalt vergessen hätte  – der steht eingemeißelt hinter meiner Stirn –, ich verliere bloß die Fähigkeit, daran zu glauben. 


»Unser Volk war einst groß und mächtig«,
heißt es darin oft.  »Wir jagten unsere Stahlrösser über die bis zum Horizont reichenden Straßen. Wir schufen Kunst, Musik, Literatur und bewohnten riesige Siedlungen. Unsere Waffen waren im Stande, den Himmel zu verdunkeln, und doch herrschte seit Langem Frieden.«
Selbst wenn dies alles der Wahrheit entspricht; diese Zeiten sind längst vergangen. Heute drängen wir uns in Ghettos zusammen und stehen hilflos daneben, während sie unser Land verwüsten. Wir dienen oder sterben. Und die wenigen Moribunds, die im Laufe der Jahrzehnte nicht versklavt oder getötet wurden, verstecken sich in Ruinen unter der Erde.
»Bevor die Grauen Männer kamen, hauste keiner von uns in Baracken aus eingestürzten Steinen«, berichtet eine Erzählung, die ich immer besonders mochte. »Unsere Gebäude ragten bis über die Baumspitzen und kilometerweise nach allen Seiten. Es gab Betten darin. Wärme, den Duft frischen Essens und Licht.«
Das Ende der Geschichte mochte ich dagegen nie, denn es handelte von der Ankunft der Grauen Männer in ihren Sternenwagen. Wie sie uns ihre Technologie aus einer weit entfernten Galaxis brachten und Freundschaft mit uns schlossen, um uns später fast auszulöschen. Als kleiner Junge lauschte ich gespannt den düsteren Märchen, als Heimatloser verspüre ich lediglich unbändige Wut.

Manchen … nein … Menschen! So bezeichneten die Alten unser Volk. Menschen.
Ob davon etwas in den Büchern steht? Wer wir waren? Was wir vollbrachten? Welche Träume wir hatten? Abertausende Schriftstücke halte ich in meinen Händen; konserviert auf einem wasserdicht eingeschweißten Kollektor. Das Schicksal gebe, dass ein Mensch sie eines Tages wieder aus ihrem Versteck hervorholt.
Man nennt mich Old Oddment. Nach langer und beschwerlicher Reise stehe ich endlich am Ufer des Gildersees. Tief unten am Grund liegt der Legende nach ein Safe. Ich werde nun das letzte Vermächtnis meines Volkes dorthin bringen. Unser Wissen. Unsere Bücher. Unseren größten Schatz.
Ich werde nicht zurückkehren können; der Weg ist zu weit. Ich werde ertrinken. Doch das spielt keine Rolle. Ich bin ein Reisender und so soll man sich an mich erinnern.
Du aber, der du diese Botschaft entdeckt hast, musst keine Angst haben. Wenn sie unseren Planeten in derselben Geschwindigkeit wie bisher zerstören, wird bei deiner Ankunft nur noch ein Tümpel statt eines Sees übrig sein.

Acht links – fünfzehn rechts – sechzehn links – die letzte Zahl findest du in deinem Inneren.

Old Oddment
(ein Mensch)

 

Daniela Herbst 10/09/2013 No Comments

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